Subkutan


Ich geh mit etwas weichen Knien

und träumerisch durch ganz Berlin

leicht angeknockt und ein wenig schwach:

ernsten Berufsgeschäften nach.

Der Ordner hieß ›Helvetia‹;

von den Packpapierbogen ist nichts mehr da;

die Lieferung hätten wir noch ergattert –

Telefon schnurrt, Schreibmaschine schnattert ...

Chinesischfett ruht mein Gesicht,

und was gestern war, weiß keiner nicht.

 

Da gibt es im Märchen einen Zwerg,

der glaubt sich mit allem längst über den Berg;

an einem unbewachten Ort

sagt das Dummchen sein Zauberwort

und tanzt dazu auf einem Bein

und steht nicht an, vor sich hin zu schrein:

»Ach, wie schön, dass niemand weiß,

dass ich Rumpelstilzchen heiss –!«

 

Vor mir schreibt ein gebeugter Scheitel ...

Männer sind manchmal bodenlos eitel.

Und in mir gluckert ein Freudengebraus:

ich hab euch allen etwas voraus!

Und beschaulich, in guter Ruh,

seh ich den Geisteskranken zu,

die sich im Reichstag wichtig machen,

hör still erfreut die Schlagzeilen krachen

von Morgen–, Mittag- und Nachtausgabe ...

Macht, macht ... Ich persönlich habe

meinen Teil weg. Und bin angenehm matt.

Wer hat, hat.

 

Nur kein Neid.

Das ist die schönste Tageszeit:

die nach der Erfüllung. Da läßt man sich treiben,

möchte immerzu die Hände reiben

und hat zu eignem Privatgebrauch

so etwas wie Schadenfreude im Bauch.

Denn jeder Kerl glaubt dann und wann,

er sei ganz alleine ein Mann.

 

Kein Feuer, keine Kohle

kann brennen so heiß

wie die heimliche Liebe,

von der niemand nichts weiß.

 

Kennst du das?

 

Zu dem, was an solchem Tage geschieht,

zu allem, was dein Auge sieht,

zu allen Reden und Diskussionen,

zu allen Reichsgerichts-Konstruktionen;

zu Vollbärten, die sich gebildet bekleckern –:

immer hörst du ein Stimmchen meckern:

»Ach, wie schön, dass niemand weiß,

dass ich Rumpelstilzchen heiß –!«

 

Mensch, sei diskret! Ein Dummkopf, wer sich spreizt.

Fremder Hunger langweilt.

Fremdes Glück reizt.

Und dann sieht dich jemand in ihrem Haus.

Und dann ist die ganze Bescherung aus.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 05.04.1927, Nr. 14, S. 555.





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