Ein Stoß Papier


»Fünfhundert Bogen?« hatte das kleine Fräulein im Printemps gesagt, und damit hatte sie schon den Packen beim Wickel. Ihre Fingernägel waren nicht ganz proper, aber das ist wohl schwer bei solcher Arbeit in Staub und Hitze. In ihrem Gesicht riefen die aufgelegten Farben: »Ah, mon petit chou!« – aber wenn man genauer hinsah, war da eine kleine, winzige Falte in der Nasenecke, die rechnete:

Fahrt zum Geschäft 1,20 Francs

Brioches ... ... . . 0,60

und ähnliches.

Es war eine ziemlich hastige Addition, die ja jeden Tag gemacht werden mußte. Nun hatte ich mein Papier, danke. Und da liegen sie nun, die fünfhundert mitgebrachten Bogen.

Zwei Daumenglieder hoch liegen sie da, weich zum Augenauswischen. Die werde ich alle vollschreiben müssen. Was wird draufstehen –?

Dieses und Genes, wie sie um Hannover sagen. Es gibt aber auch zu schöne Sachen: Herr Heuss, Demokrat und Männerbrust in einem, redet für das Schutzund Schmundgesetz, denn was gäbe es im Augenblick wohl Wichtigeres, als unsre lieben Kleinen vor Tagore, dem Grafen Luckner, Sudermann und dem Reichsarchiv zu schützen? Heuss weiß das ganz genau: wenn sie auch nichts zu fressen haben – gute Bücher gehören in jedes Haus, selbst wenn gar kein Haus da ist. Er ist »sozial eingestellt« – was nachher draus wird, ist nicht seine Sache.

Und was wird noch draufstehen? Die Auswahl ist leicht: ein Blinzler in den Gerichtsteil jeder Zeitung genügt, um eine Schande zu sehen, die nur noch von einer andern übertroffen wird: derer, die sie nicht fühlen.

Und weil das Leben ernst ist, heiter aber die Kunst, sich lächerlich zu machen, so hat uns eben der gute Gott den deutschen Richter beschert, einen pathosgeblähten Talar mit einem Ding darin, das Scharen unartiger Schüler abstraft und persönlich beleidigt ist, wenn eine Frau ungehörigerweise ihren Geliebten erschießt: das diesseitige Schießen ist nur Oberförstern und Reichswehroffizieren erlaubt, soweit die nicht mit dem Empfang von Hochstaplern befaßt sind. Im Namen des Volkes.

Und was wird noch draufstehen, auf den fünfhundert –?

Geßlerine und eine Republikanerschaft, die sich überhaupt nichts mehr denkt, wenn sie zur Republik schwört, die Herren tun das morgens zum Frühstück, es ist gut für die Verdauung. Und das Theater, diese goldne Volière der Stare und Regisseure, neulich soll ein Autor dort gesehen worden sein, aber das war wohl ein Irrtum. Und französische Bücher und französische Provinz, um die sich kein Mensch kümmert, als sei Paris Frankreich, und als lägen nicht hundert und hundert kleiner Städte da, still atmend und ihr kleines Leben lebend, friedlich, ohne Wehrvereine und ohne Sportlehrer, die anderswo eine ganze Jugend im Schießen ausbilden, während die Regierung so europäisch ist, dass es einem himmelangst wird ... Und wenn die Muse Terpzichorie mich auf die geründete Stirn küßt: auch Verse und kleine Reime, die das Volk abends singt, wenn Mutter am Radio spinnt und Vater kleingehackten Lokalanzeiger raucht ... Das soll alles auf den fünfhundert stehen.

Jetzt habe ich das Einwickelpapier in den Korb getan, die Katze Breitscheid (Halbangora) liegt in einer Ecke und tut schrecklich ironisch, ich möchte nur wissen: worauf herauf? – die Lampe brennt, die Heizung summt ... Los!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 11.01.1927, Nr. 2, S. 78.





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