Wo bleiben deine Steuern –?


Ein Konfektionsschneider ist vor einiger Zeit ins Reichswehrministerium gegangen und hat sich dem General Heye mit zwei Briefen vorgestellt: einer vom deutschen Botschafter in Paris unterzeichnet, der andre vom Reichspräsidenten Hindenburg. In den Briefen wurde das Reichswehrministerium angewiesen, dem Überbringer, Freiherrn von Schenk, 75000 (fünfundsiebzigtausend) Mark »für diplomatische Dienste« zu überweisen; die etatsmäßige Regelung würde später erfolgen. Die Briefe waren gefälscht. Der Betrüger gab als seine Wohnung ein berliner Hotel an; und er hätte diese fünfundsiebzigtausend Mark auch bar bekommen, wenn er nicht, von plötzlicher Nervosität erfaßt, das Hotel fluchtartig verlassen hätte. Zehn Minuten zu früh. Der Bote des Reichswehrministeriums war mit dem Geld schon unterwegs.

Ob eine Fahrlässigkeit des Generals Heye vorgelegen hat, steht dahin. Hat sie aber nicht vorgelegen:

Wie wird eigentlich im Reichswehrministerium mit den Geldern der deutschen Angestellten, die mit ihrem Steuerabzug den weitaus größten Teil der direkten Steuern aufbringen, gewirtschaftet –? Angenommen, die Papiere seien echt gewesen, was doch der Chef der Heeresleitung vermutet hat: da kann also irgendein »Diplomat« kommen und eine Summe einkassieren, für die ein Bergarbeiter sein ganzes Leben unter der Erde zubringt?

Wenn das Reichswehrministerium diese Summe ausbezahlen wollte, so hat es im Glauben an eine höhere Weisung gehandelt. Haben wir keinen ordentlichen Dienstweg? Was hat sich der General Heye gedacht, als er auszahlen lassen wollte?

Es kann sich bei den »diplomatischen Diensten«, von denen in den Briefen die Rede gewesen ist, nur um Spionage gehandelt haben. Nun wird aber bekanntlich die übliche Nachrichtenübermittlung durch Spione, die jeder Staat streng bestraft und selbst beschäftigt, außerordentlich mäßig bezahlt. Wenn an einen einzigen Mann fünfundsiebzigtausend Mark ausgezahlt werden, dann muß es sich um eine ganz große Aktion handeln, und davon müßte das Reichswehrministerium wissen; das Auswärtige Amt läßt ja wohl im allgemeinen seine eignen Vertrauensleute nicht durch die Bendlerstraße auszahlen. Also hat das Reichswehrministerium entweder Vertrauensleute durch die Welt laufen, die seiner Meinung nach solche Summen wert wären – oder der General Heye hat überhaupt nicht nachgedacht und einfach eine Weisung befolgt, die er füglich und ordnungsmäßig hätte anzweifeln, also durch Nachfrage hätte prüfen lassen müssen. Nichts davon hat er getan. »Diplomatische Dienste« ... Hindenburgs Unterschrift ... Freiherr von Schenk ... her mit dem Zaster.

Ist die Reichswehr absolut? Unterliegt nicht auch sie der Kontrolle durch Finanzministerium, Oberrechnungshof, unterliegt nicht auch sie der Verfassung –?

Eine große Presse; die ihr jeden Gefallen tut und in hauptsächlichen Fragen schweigt und in nebensächlichen Fragen schandenhalber ungefährlich dahermurmelt; eine Sozialdemokratie, die ihr jeden Etat bewilligt, jeden – ein Volk, das nicht weiß, was mit ihm getrieben wird. Schindluder.

Die Reichswehr ist absolut.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 06.12.1927, Nr. 49, S. 875.





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