Stendhal, ›Lucien Leuwen‹


Zu den standard-works solch einer gut angelegten und planmäßig gesammelten Bibliothek gehört natürlich Stendhal. Ich habe neulich nach langer Jagd eine gute Ausgabe des nachgelassenen ›Lucien Leuwen‹ erlegt (Paris, Ausgabe: Le Divan Paris 37 rue Bonaparte – nicht sehr teuer). Es sind drei kleine Bände, wunderhübsch gedruckt, mit winzigen roten Vignetten.

Bei uns steht bei jedem Fliegenhusten von Buch vorn auf dem Titel: »Roman«. Hier steht das Wort nicht – aber das ist ein Roman. Das ist einer.

Ich lasse bei dieser Betrachtung alles Dichterische beiseite, soweit das möglich ist, und die lange Liebesgeschichte in Nancy schenke ich euch. Aber das, was die Kritiker heute mit vollem Maul das ›Soziologische‹ nennen ... ! Wie das bei Stendhal quillt und blüht; wie sich die Einzelheiten nicht jagen, sondern unaufdringlich eine nach der andern hervorkommen; wie der Dichter über dieses ungeheure Material der Louis-Philippe-Gesellschaft gebietet, wie scheinbar mühelos das ist – das hat ein Herr geschrieben. Manchmal stehen da noch Randnoten, denn der Roman ist nie vollendet worden, manche Partien sind gar nicht zu Ende gearbeitet, und in diesen Randnoten finden sich die hübschesten Dinge. Wann Herr Beyle grade Kopfschmerzen gehabt hat, und dass es an diesem Arbeitstage heiß gewesen sei, und dass jenes Kapitel noch mal geschrieben werden müsse – und dies Uniformdetail stimme nicht, man wird sich erkundigen müssen, und diese Entgegnung Leuwens sei ja sehr hart, aber ... Was sieht man daraus?

Daß ›Roman‹ ein Ehrentitel ist, der nur einem wirklichen Weltausschnitt zukommt – und dass diese Weltausschnitte nicht hingeschrieben werden können, wie sich das so viele Schriftsteller denken, von den schreibenden Frauen schon gar nicht zu sprechen, sondern dass man sich dergleichen erarbeiten muß, neben allem andern. Dies hier ist gearbeitet. Wer lernen kann und lernen will, der lerne.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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