Spaziergang


»Grand Hôtel, den heutigen.

Sehr geehrter Herr Panter!

Ich bin mit meiner Frau für ein paar Tage in Paris und werde mich sehr freuen, mit Ihnen ... «

Hopla. Das ist ein Grund, lange und ausdauernd spazieren zu gehen. Mit einem Rohrpostbrief in der Tasche:

»Lieber Herr Besuch,

leider bin ich gestern abend gestorben ... «

Laßt uns ein wenig durch die Straßen rollen.

 

Da kommt der Omnibus. Die zweite Klasse ist voll, was einige dekorierte Herrschaften veranlaßt, auf den nächsten zu warten. Man muß sein Vermögen zusammenhalten, auf die Weise bringt mans zu etwas. Neben mir sitzt eine Dame, die fährt jetzt zu ihrer Schwägerin, die einen Bekannten hat, der billig Schirmseide abgibt. Man kauft hier nicht gern etwas – man verschafft es sich. Wohnungen, Deputiertensitze, Parfums, Theaterkarten und Sommerfrischen. Diese Gerüste sind die zukünftige Kunstgewerbeausstellung: Gustav Stresemann, verschnupft, wie er ist, hat die Einladung abgelehnt – wahrscheinlich wartet er die nächste Internationale Flaschenbierausstellung ab. Hoffentlich gelingt die Ausstellung und wird für die Pariser kein zweites Olympisches Spiel, das ein Bombenreinfall war. Da liegt das Gebäude der Dotation Carnegie, da hat vorgestern der Graf Coudenhove-Kalergi für sein Pan-Europa gesprochen – alle sind dafür, Europa will sichs noch ein bißchen überlegen. Er hat auch vor den Studenten der École Normale Supérieure gesprochen, ein Staatsstipendiat auserlesener Studenten, die da freie Station haben; der Graf sprach leicht und unprätentiös, er tritt so angenehm hinter seiner guten Sache zurück, die er aufrichtig liebt. Solch ein Studentenpublikum habe ich bei uns noch nie gesehn: die jungen Leute lassen fast jeden Freitag vor kleinem Auditorium einen fremden Gast sprechen, und sie tun etwas ganz Seltsames, für uns so Ungewohntes: sie hören zu. Während das deutsche Publikum immer geduckt wartet, zur Kritik fertig, sprungbereit zum Gegenangriff, lassen diese hier jeden in Ruhe ausreden, scharren nicht mit den Füßen und stampfen nicht, wie es das Rindvieh in den heimischen Ställen zu tun pflegt – sondern sie hören zu. Als Coudenhove-Kalergi geendet hatte, hielt ihm ein anwesender Deutscher, der gleichfalls zu Gast war, ein belehrendes Kolleg – wie unliebenswürdig sind diese Leute in dem, was sie Sachlichkeit nennen! Die Franzosen fuhren ihm ganz leicht über den Mund, aber es wird nicht viel helfen. Da liegt das Gebäude, wo sie neulich den Professor ausgepfiffen haben, Der Kultusminister François-Albert, nunmehr a. D., der eigentlich nicht so sehr Gegner hatte, wie er Leute vorfand, die ihn nicht recht ernst nehmen wollten, hatte ausnahmsweise den Professorenvorschlag, der den Juristen Le Fur propagierte, zurückgewiesen und dafür einen andern Mann einsetzen wollen: den Kabinettschef des Arbeitsministers Justin Codart, Herrn Georges Scelle, Professor in Dijon, Protest. Es gab einen mächtigen Spektakel im Hörsaal, die Studenten zerschlugen Tische und Bänke, einem Schutzmann fiel das Corpus juris auf den Kopf, und die Vorlesung mußte unterbleiben. Es scheint zweifelhaft, ob sie wieder aufgenommen werden wird – es sind nicht nur die Royalisten, die da demonstriert haben. Auch hier ist zu beobachten, dass eine konservative Jugend gegen den soi-disant-Sozialismus in der Regierung protestiert – die Oppositon dieses Zeitalters geht seltsame Wege, eine revolutionäre Reaktion.

Das hindert nicht, dass sich die Studenten viel weitherziger zu informieren suchen als in Deutschland. Das Groupement Universitaire Français pour la Société des Nations hält in der Sorbonne öfters Versammlungen ab, in denen Redner aller Nationen auftreten und über den Völkerbund sprechen; geleitet wird das von dem jungen Herrn Lange, dem wir sicherlich später einmal in der französischen Politik begegnen werden.

Und da –? Was stehen da für Leute? Das sind glückliche Menschen, die möchten sich gern ›Les nouveaux Messieurs‹ ansehen, das neue Stück, an dem de Flers mitgearbeitet hat, es wird im Athene gegeben und ist jeden Abend ausverkauft. Herr Boucher, der erst jüngst auf dem Nachtfest der Schauspieler im Cirque d'Hiver seine Triumphe feierte, hat sein Publikum. Bei uns heißt so eine remonstrierende Komödie ›Der Herr Minister‹ und ist von irgendeinem Herrn Regenschirm – hier sieht sogar so etwas graziös, lustig, elegant aus. Da wollen wir doch aussteigen und hören, wie die Preise sind. Der Billetthändler verlangt fünfundvierzig Francs – allmächtiger Himmel! Wenn ich einen Aufsichtsratsposten hätte, ja, Bauer, das wäre ganz was anders – aber so!

Da drüben hängt ein Plakat, auf dem ist – bitte, entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich habe einen kleinen Gang. Auch der ist lehrreich genug: man liest immer allerhand an den Wänden. In Rostock am gleichen Ort stand früher auf der Wasserspülung, dass die Deutschen ihren Kaiser wiederhaben wollten – hier ist zu lesen: ›Salaud!‹ und ›Voleur!‹, was sich umschichtig auf Cachin, Daudet und Herriot bezieht. Vox pipili.

Ja, auf dem Plakat ist die Mistinguett abgebildet. »Wie gefällt Ihnen meine Frau? Mir gefällt sie nicht!« Jedenfalls war sie in Amerika, wie auch Gémier vom Odéon und viele andre; sie vertraten dort – wie einer entdeckt hat – die These vom Dollar pour l'art. Und neben ihr zeigen sie Schönherrs ›Weibsteufel‹ an. Auch siegreiche Staaten haben ihre Beschwerden.

Jetzt wollen wir erst einmal einen nehmen. Ich stehe an der Theke – an der Theke ist es ein bißchen billiger, gnädige Frau, falls Sie mal nach Paris fahren – und komponiere ein kleines Lied auf der Schnapsorgel, die da hinter dem Wirt steht. Viele Leute trinken hier ihre Vormittagsschokolade – nur die belegten Brötchen sind teuer, wie alles, was man in Paris außerhalb der Hauptmahlzeiten essen will.

Ob im Hôtel Drouot etwas los ist –? Das Hôtel Drouot ist gar kein Hôtel – es ist das Haus, wo die Versteigerungen, monopolisiert, vor sich gehen. Briefmarken kann man da kaufen und Möbel und silberne Löffel und Gobelins und Alt-China in garantiert echten Original-Imitationen – es geht ganz leise zu. Die Leute sitzen ganz artig auf ihren Stühlchen, der Auktionator steigert leise, die Bieter nicken nur, kaum wahrnehmbar, er sieht jedes Augenzwinkern. Neulich hat übrigens Francis Carco – ganz recht, der Papa von ›Jésus-la-Caille‹ – seine Bilder verkauft, viele Utrillos, darunter Werke, die er von den Künstlern erhalten hat, als die noch ganz unberühmt waren. Er hat über 200000 Francs erzielt; ich weiß nicht, wieviel er den Malern abgegeben hat ...

Da ist ein Zeitungsgebäude, da noch eines. In einem – im ›Petit Journal‹ – hat einmal ein Kollege von mir gesessen, vor sechzig Jahren saß er da und schrieb täglich seinen kleinen Chronisten-Artikel. Er hat sich fotografieren lassen: mit dem ›Petit Journal‹ in der einen Hand und mit einem Sou in der andern – so viel kostete damals das Blatt. Als man ihn fragte, wie er es mache, jeden Tag ein andres Thema zu behandeln, antwortete er: »Wissen Sie, ich schreibe nur über die Sachen, von denen ich nichts verstehe!« Er hieß Thimoteus Timm. Es muß an der Alliteration liegen.

Jetzt will ich mich wieder nach Hause schleichen. Hoffentlich ist der Besuch inzwischen eingegangen, so Gott will. So etwas ist nicht sehr lustig. Die Leute marschieren immer wieder zu Prunier und immer wieder in die Revuen, und wenns die Frau nicht hört, fragt mich der Mann nach einigen Adressen. Und ich weiß doch keine. Aber ich kann mich nicht länger blamieren, und daher folge hier eine Liste:

32 rue Blondel: Nackte Mädchenbedienung.

186 rue Rondelet: Erzbischöfe, Neger und Minderjährige.

4 Boulevard Marbeau: Frau mit Lama (›Tier oder Tibetaner?‹ Stelle anheim).

Und, etwas völlig Perverses:

18 rue Donizetti: Ein revolutionärer Sozialdemokrat.

Aber dies Unternehmen sollen sie ausgehoben haben.

Der Spaziergang ist geschlossen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 28.04.1925, Nr. 17, S. 629.





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