Sie, zu ihm


Ich hab dir alles hingegeben:

mich, meine Seele, Zeit und Geld.

Du bist ein Mann – du bist mein Leben,

du meine kleine Unterwelt.

Doch habe ich mein Glück gefunden,

seh ich dir manchmal ins Gesicht:

Ich kenn dich in so vielen Stunden –

nein, zärtlich bist du nicht.

 

Du küßt recht gut. Auf manche Weise

zeigst du mir, was das ist: Genuß.

Du hörst gern Klatsch. Du sagst mir leise,

wann ich die Lippen nachziehn muß.

Du bleibst sogar vor andern Frauen

in gut gespieltem Gleichgewicht;

man kann dir manchmal sogar trauen ...

aber zärtlich bist du nicht.

 

O wärst du zärtlich!

Meinetwegen

kannst du sogar gefühlvoll sein.

Mensch, wie ein warmer Frühlingsregen

so hüllte Zärtlichkeit mich ein!

Wärst du der Weiche von uns beiden,

wärst du der Dumme. Bube sticht.

Denn wer mehr liebt, der muß mehr leiden.

Nein, zärtlich bist du nicht.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 01.12.1931, Nr. 48, S. 826.





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