Salut au monde!


Frei nach Walt Whitman

 

O nimm meine Hand, Walt Wrobel!

All das Gleiten solcher Wunder! All solche Gesichte und Töne!

All solche Verknüpfung unendlicher Glieder, ein jedes an das nächste gekettet;

Jedes allen andern entsprechend; jedes die Erde mit allen andern teilend!

 

Was hörst du, Walt Wrobel?

Ich höre den Mimen vor seinem Auftritt leise flöten, während er sich in die historischen Beinkleider stopft.

Ich höre die Hypothekenzinsen des Theaterdirektors auf den Tisch rollen und dazu den Gläubiger seufzen und sagen: »Sechzig Prozent – da sind Sie wieder billig weggekommen!«

Ich höre, wie in den Kammerspielen alle durcheinanderschreien und behaupten, es sei eine Generalprobe.

Ich höre, wie der gute alte Pariser vor Gericht vorwurfsvoll kreischt: »Herr Staatsanwalt, was fallt Ihnen ein? Bin ich vielleicht ein Wucherer?«

Ich höre, wie der Geisteskranke in seiner Zelle tobt, er wolle partout ins Deutsche Schauspielhaus gehen. Ich höre, wie die alten Meistersinger-Dekorationen im

Opernhaus knistern, und das ist ihr gutes Recht. Ich höre in der ›Jungfrau von Orleans‹, wie die Dürjöh mit den Füßchen aufstampft, weil sie nicht alle Rollen zugleich spielen kann.

 

Was siehst du, Walt Wrobel? Wer sind die, die du grüßt?

Ich sehe, wie die Leute in den Kinos sehen, dass sie nichts sehen, was sie nicht schon anderswo gesehen hätten.

Ich sehe, wie die Telefondamen auf dem Amt Norden zittern und flüstern: »Der Hollaender kommt wieder!«

Ich sehe, dass er wiederkommt.

Wo sehe ich schon, dass er wiederkommt?

Wenn ich schon sehe, dass er wiederkommt!

Ich sehe noch immer viele auf den Zetteln des Deutschen Theaters, die gar nicht spielen.

Ich sehe, wie Reicher die Rolle von den Lippen der Souffleuse abliest, und das ist nicht so einfach.

Ich sehe, wie Holzbock'n drei Haare aus dem Kopfe herauswachsen.

Ich sehe die Reporter, die Philologen, die Nigger in den Goldminen und alle Sklaven der Erde.

Ich sehe, wie ein Theaterkassierer das Geld des Besuchers in der Hand hin- und herwendet und fragt: »Ist das Ihr Ernst?«

Ich sehe, wie aus dem Verlag Georg Müller die Büchers herausgespieen werden – den Verleger selbst gibt es gar nicht mehr, aber noch ist da kein Ende.

 

Salut au monde!

Ein jeder von uns unvermeidlich!

Ein jeder von uns, seis Mann oder sonst ein Weib, mit seinem recht an die Erde!

Ein jeder von uns mit seinem Teil hier ebenso göttlich wie irgend einer!

Salut au monde!

 

 

Ignaz Wrobel

Die Schaubühne, 04.12.1913, Nr. 49, S. 1205.





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