Von den Kränzen, der Abtreibung und dem Sakrament der Ehe


Der Papst hat eine Encyklika über die Ehe erlassen, die nur den verwundern kann, der mit katholischen Gedankengängen nicht vertraut ist; nichts in diesem gezähmten Ausbruch ist neu oder überraschend – er deckt sich haarscharf mit dem Dogma der Kirche und ist nichts als ein Plakat der Waren, die dort geführt werden.

Die Vulgärkatholiken pflegen zu schimpfen, wenn sich unsereiner mit ihnen befaßt, und sie schimpfen nicht einmal herzerquickend, sondern recht unbegabt. Die bessern unter den Frommen pflegen zu jammern: »Sie verstehen den Katholizismus nicht. Begreifen Sie nicht, dass von unserm Standpunkt aus ... « Von den leicht in Hysterie übergegangenen Damen, bei denen Religiosität und zarte Gefühle enger zusammenliegen als nötig, sei hier nicht gesprochen. Was ist das für eine Encyklika, und was ist das für ein Standpunkt?

Die Encyklika über die Ehe wirkt auf einen Not Leidenden, der nicht im Katholizismus aufgewachsen ist, wie frecher Hohn. Sie ist es nicht, sie wirkt aber so. Der groteske Grundsatz: »Lieber elf Kinder auf dem Kissen, als eines auf dem Gewissen« kann gewiß nicht mit dem Scherz: »Und wie halten es Eure Heiligkeit damit?« beantwortet werden; was aber ein Arbeiter in der Großstadt mit diesen Sittengesetzen anfangen soll, ist ganz und gar unbegreiflich. Schließlich gibt es ja einen Tiefstand der Lebenshaltung, wo alle moralischen Leitsätze einfach untergehn. Wer arbeitslos ist, von der Tuberkulose bedroht, verbittert, hungrig, in Asylen dahinlebt: der hat wenig Lust, sich mit dem Himmel zu trösten, mit dem ihm hier auch noch gedroht wird. In einem Zimmer, in dem Mann, Frau, sechs Kinder und ein Schlafbursche liegen, wird das Sakrament der Ehe reichlich fadenscheinig.

Man rühmt an der Kirche die Folgerichtigkeit ihres Denkens, ihre Logik und die gut gemauerte Basis des großen Gebäudes. Sicherlich, es ist imposant – aber wenn man in den Keller geht und sich einmal die Fundamente ansieht ...

Man muß die Anfänge des Katholizismus kennen, um ihn ganz zu verstehn. Da wäre zum Beispiel Tertullian. Damals bauten sie noch an den Fundamenten; man kann den Plan eines Gebäudes besser übersehen, wenn der Bau noch nicht vollendet ist und offen liegt.

Da war also bei den römischen Truppen Kaiserbesuch angesagt. Man kennt die ewige Melodie der Weltgeschichte: erst Hofhunde züchten dann sie fürchten und ihnen dann gut zu fressen geben, damit sie jene beißen, die auch Futter haben wollen. Das ist immer so gewesen – ob das nun Hitler-Trupps sind oder reguläre Heere. Der römische Kaiser also hatte die Truppe antreten lassen: er wollte eine feierliche donatio vornehmen, die Herren Soldaten Mann für Mann beschenken, denn dergleichen ist gut für den Patriotismus. Die Soldaten hatten sich herausgeputzt; sie trugen Lorbeerkränze, was ungefähr den frühem Helmpuscheln entspricht ... und da standen sie. Einer aber, erzählt Tertullian, trug keinen Kranz.

»Warum trägst du keinen Kranz?« fragte der Centurio. »Ich trage keinen Kranz«, sagte der Soldat, »weil ich ein Christ bin.« – »Und?« – »Ein Christ darf keinen Kranz tragen.« Dann wird es wahrscheinlich das übliche Hin und Her gegeben haben: »Ich gebe Ihnen den dienstlichen Befehl –«, und das arme uniformierte Luder, das zwischen zwei fixen Ideen, der des Patriotismus und der des Christentums, hin und her schwankte wie Bileams Esel, verweigerte den Gehorsam. Man mußte ihn fortschaffen, und was dann weiter aus ihm geworden ist, weiß man nicht.

Warum aber hatte er sich geweigert, einen Kranz aufzusetzen?

Die junge Sekte der Christen hatte zwei Wege zur Auswahl: alle heidnischen religiösen Gebräuche mitzumachen, die nicht unmittelbar auf Götterverehrung abzielten, oder aber alles zu verpönen, was überhaupt nach heidnischer Religion aussah – liberal zu sein oder orthodox. Sie schwankte. Tertullian, der in seinem Leben in manchen Lagern gestanden hat, lobt den Soldaten, dessen kleine Geschichte er in der Schrift ›Vom Kranze des Soldaten‹ erzählt. Es ist sehr lehrreich, zu sehn, wie er das macht.

Er lobt ihn nicht nur für sein frommes Verhalten, er beweist auch, warum der Soldat recht hatte. Er beweist es, aber so viel Anführungsstriche gibt es gar nicht, wie man um dieses ›beweist‹ herumsetzen müßte. Er macht das so:

»Welches ist nun der Nutzen, den man von den Blumen hat? Entweder der Geruch, lautet die Antwort, oder ihr Anblick oder beides zugleich. Welches sind nun die für das Anblicken und das Riechen bestimmten Sinne? Ich denke doch, das Gesicht und der Geruch? Welchen Gliedern sind diese Sinnestätigkeiten zugewiesen? Den Augen und der Nase, wenn ich nicht irre. Mache also Gebrauch von den Blumen durch Gesicht und Geruch. Die Sache selbst ist dir von Gott übergeben worden, die Art der Verwendung von der Welt. Wiewohl auch die außergewöhnliche Art dem eigentlichen Gebrauch nicht widerstrebt, denn Blumen aneinandergereiht oder eingeflochten, an einem Faden oder an Binsen sollen dir dasselbe sein wie auch frei und ungeflochten, nämlich eine Sache zum Ansehen und um daran zu riechen. Den Kranz soll man höchstens für ein Bündel Blumen ansehen, die darum in einer Reihe aneinander gefaßt sind, um mehrere auf einmal tragen und mehrere zugleich genießen zu können. Stecke sie dir auch gar noch an den Busen, wenn das so sehr lieblich ist, streue sie dir aufs Bett, wenn es sich darauf so weich liegt, und stecke sie in den Trinkbecher, wenn das unschädlich ist. Bediene dich ihrer auf alle die Arten, wie du sie sinnlich wahrnimmst. Aber auf dem Kopfe? Was hat man da für einen Genuß von der Blume? Was für eine Empfindung vom Kranze? Nichts als die Empfindung einer Fessel, weil man weder die schöne Farbe sieht noch den Duft einatmet, noch die Zartheit sich bemerklich macht. Blumen auf dem Kopfe haben wollen ist ebensosehr gegen die Natur als eine Speise mittels des Ohres, einen Schall mittels der Nase zu ergreifen. Alles aber, was widernatürlich ist, verdient das Brandmal der Ungeheuerlichkeit, bei uns aber auch noch den Titel eines Sacrilegiums gegen Gott, welcher der Herr und Urheber der Natur ist.«

Von dieser sophistischen Albernheit bis zur letzten Encyklika ist nur ein Schritt – sie sind beide derselben Technik entsprossen.

Die Kirche beweist alles, was sie anordnet, mit der schärfsten Logik, es stimmt scheinbar alles, Schritt für Schritt, Stufe für Stufe – und wenn sie am Ende der Kette angekommen ist, dann macht sie einen kleinen Hopser, der Denker beginnt zu fliegen und entschwindet den erstaunten Augen im Himmelblau. Er zieht sich nämlich auf den göttlichen Willen zurück, den er ja kennt: der liebe Gott hat ihm den unzweideutig mitgeteilt, und hier hört jede Diskussion auf.

Die Natur will es so! Gott will es so! Der göttliche Wille hat es also verordnet!

Kränze dürfen nicht auf den Kopf gesetzt werden. Kinder muß man austragen. Eine Ehe ist unlöslich.

Natürlich steht nirgendwo in der Kirchendogmatik, dass das sophistische Kunststückchen des Kirchenvaters Tertullian geglaubt werden müsse – das weiß ich wohl. Es ist nur so ein schönes Beispiel, wie es gemacht wird, wie dort gedacht und wie mit einer Scheinlogik die Berechtigung der Kirchengesetze bewiesen wird. Bewiesen –? Man kann alles beweisen.

Diese Apologetik gleicht den Plädoyers geschickter Rechtsanwälte. Hört man in einem Zivilprozeß nacheinander die wortgewandten Advokaten beider Parteien, so begriffe man den Richter gut, der nach jeder Beweisführung sagen könnte: »Die eine Partei hat recht. Und die andre Partei hat auch recht.« Sie haben ja alle so recht ... Solche Beweise sind das.

Kinder dürfen nicht abgetrieben werden. Die Ehe ist unlöslich. Wo steht das? Wir alle weisen, wenn wir gar nicht mehr weiter wissen, auf sittliche Gesetze hin, die nicht mehr auf andre zurückführbar sind. Sie besagen im Grunde gar nichts: sie zeigen nur unser Gefühl an und die Richtung unsres Willens. Nun, dieser Wille, der hier geäußert wird, ist sozial höchst verderblich und abzulehnen – und nur darauf kommt es an.

Ich habe manche Bedenken gegen die Freidenker geäußert; im Augenblick aber, wo es um den politischen Kampf geht, wird man mich immer an ihrer Seite finden, wenn auch ihre Begründungen, die sie sich und andern geben, manchmal reichlich simpel sind. Aber ihr Ziel ist gut, und das Ziel der Kirche, wie es sich in dieser Encyklika offenbart, ist es mitnichten.

Eine Proletarierfrau zur Brutmaschine zu machen, ist eine Roheit – dazu brauchen wir gar nicht erst den lieben Gott zu bemühen. Diese scheinbar sittliche, in Wahrheit aber tief unsittliche Forderung so zu umkleiden, dass man bei dieser Gelegenheit die Reichen sanft auffordert, sie möchten doch etwas für die Armen tun, ist Bilderbuchethik. Die Reichen werden, wenns gut geht, beten und den Armen etwas husten. Inzwischen wimmelt das in den Slums aller Länder, die Knie der glücklichen Mütter werden von Geschöpfen umspielt, die später in den Kohlenbergwerken oder in den Ackergräben für den Profit der andern verrecken dürfen ... aber: es ist nicht abgetrieben worden. Der Kranz, der Kranz ist gerettet.

Wo steht geschrieben, dass das so sein muß?

Fassungslos das Erstaunen der Katholiken, dass jemand außerhalb ihrer Welt leben kann und gut dabei gedeiht. Rührend oder dreist – man darf sich das aussuchen – ihre Erwartung, man habe nur bei ihren Grundsätzen anzufangen, mit ihren Voraussetzungen, mit ihren sittlichen Forderungen. Die mögen gut sein, für sie. Für uns andre sind sie es nicht. Hier gibt es keinen Pakt, wenn es an das Soziale geht; fast alles, was die Kirche hier predigt, ist zu bekämpfen.

Wer hat angefangen, die Geschlechtskrankheiten aus ihrem ungeheuer gefährlichen Dunkel herauszureißen, in dem die Gonokokken gar prächtig gedeihn? Das bißchen Aufklärung, das heute getrieben wird, ist gegen den Widerstand der Kirche durchgesetzt worden. Wer hat angefangen, die Proletarierfrauen über Konzeptionsverhütung zu unterrichten? Die Kirche? Sie ist für das Karnickelsystem – von ihr aus zwei Junge pro Jahr; wofür hätten die Frauen denn den Uterus! Und das geht nun alles munter durcheinander: mal will es die Natur so, und mal »ist doch der Mensch kein Tier«, sondern zu höhern Zwecken geboren – alles, wie man es gebrauchen kann.

Kampf? Soweit sich die Kirche in die Politik einmischt: schärfster Kampf. Im übrigen: schweigen und vorübergehn. Es ist auch ganz falsch, hier Milde walten zu lassen, weil man sich davon vielleicht taktische Erfolge verspricht. Die Kirche und ihre politischen Parteien, sie werden nie etwas andres tun als das, was diesem Verein nützt. Zwei Einwände sind abzutun: man dürfe doch die Gefühle der andern nicht verletzen, und man treibe so das Zentrum dem Faschismus in die Arme. Da liegt es schon, trotz allem. Und wenn einige Maulhelden der Hitler-Garden nicht so unsäglich ungebildet und töricht wären: sie hätten schon längst davon abgelassen, das Zentrum durch die Ablehnung Roms, durch einen etwas schüchternen Wotankult und durch Jesuitenriecherei zu ärgern. Hitler gibt es auch billiger. Und das Ding möchte ich einmal sehen, das die Kirche nicht segnete, wenn sich das für sie lohnt.

Und heilig ist es ihnen, was wir da ablehnen? Es ist ihnen heilig, sieh mal an. Aber was uns heilig ist: wer kümmert sich denn darum? Wer schützt unsre Gefühle? unsern Glauben an den Sozialismus? unsre Ziele, die man nicht gut samt und sonders als unethisch ansprechen kann? Uns verletzt es zum Beispiel, einen Geistlichen Fahnen einsegnen zu sehn, die über Staatsmorden im Winde wehn, aber niemand nimmt auf unsre Gefühle Rücksicht. Wir benehmen uns aus Gründen des Geschmacks in den Kirchen anständig – man kann nicht sagen, dass sich die Katholiken in den Bezirken des Geistes ebenso anständig benehmen.

Wir wollen nichts bewiesen haben: nichts von den Kränzen, nichts vom göttlichen Zorn wider die Abtreibung, nichts über das Sakrament der Ehe. Ich kann nichts für das leichte Unbehagen, das religionslos lebende Juden ergreift, wenn von diesen Dingen die Rede ist. Das Getto regt sich, ungezählte Rücken der Vorfahren haben sich gekrümmt, nun kitzelt es die Nachfahren, denn sie erwarten einen Fußtritt. Die Katholiken sind heute nicht mehr stramm antisemitisch; sie wissen: von dieser Seite droht ihnen keine Gefahr. Und in Deutschland am allerwenigsten. »Er war nicht nur Deutscher«, sagte Börne von einem, »er war auch Jude, also ein Hase mit acht Füßen.«

Wir wollen nichts bewiesen haben. Die Ehe ist uns kein Sakrament, Kinder im Mutterleibe soll man beseitigen, wenn die medizinische oder die soziale Indikation das erfordert, oder sie gar nicht erst entstehen lassen, und ich wünschte, die Töchter der Arbeiter wären frei und könnten sich Blumen ins Haar winden: frei von Kirche und wirtschaftlicher Sklaverei. Frei auch von kommunistischer Theologie, die drauf und dran ist, den Sinn ihrer Anhänger erst so zu erweitern und dann so zu verengen, wie es die katholische mit ihren Leuten schon getan hat.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 17.02.1931, Nr. 7, S. 237,

wieder in: Lerne Lachen.





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