Larissa Reissner, ›Oktober‹


Das war das Ja. Jubelgeschrei aber über eine Neuerscheinung, die ein altes, bereits bekanntes Werk in erweiteter Form gibt. ›Oktober‹ von Larissa Reissner (erschienen im Neuen Deutschen Verlag zu Berlin). Schade, dass ich diese Besprechung nicht mit Blumen schreiben kann.

Vorangeht eine Fotografie dieser einzigartigen Frau; seht sie an und denkt euch euer Teil. Es folgen jene Abschnitte aus ihren Werken, die wir kennen und lieben: ›Die Front‹ mit den atemraubenden Schilderungen ihrer Abenteuer; wie ist das erlebt! ›Im Lande Hindenburgs‹ mit dem unfaßbaren Kapitel ›Im Lager der Armut‹, einer ganz und gar allein stehenden Studie über das Lumpenproletariat; wie ist das geschrieben! nein: erlitten! – die große Vision ›Vanderlip‹ und dann, was neu ist, einige in deutscher Sprache bisher nicht veröffentlichte Kapitel über Afghanistan.

Es ist immer wieder bewundernswert, wie diese Frau gesehen, gelebt, studiert und geschaffen hat. Es ist ein Wunder. Wenn das ein Mann geschrieben hätte, müßte man ihn krönen – um wieviel mehr eine Frau! Der fremde Staub der fernen Länder knirscht uns zwischen den Zähnen, wir riechen den Rauch, wir fühlen die Farben ... Dabei ist der Klassenstandpunkt niemals außer acht gelassen, und niemals sitzt er aufdringlich im Vordergrund. Es geht also; man kann also auch für das Proletariat schreiben, ohne auf jeder Seite dreimal zu brüllen: »Es lebe die Weltrevolution!« – und siehe da: es ist tausendmal wirksamer als alles offizielle Geschreibe der Abgestempelten. Ich bin fest davon überzeugt: stammte dieses Buch, so wie es da ist, von einer Frau, die nicht an der roten Front mitgekämpft hätte – die Tintenrevolutionäre zerrissen sich die Mäuler, um darzutun, wie antirevolutionär das Ganze sei. Hier müssen sie schweigen. Wir aber wollen uns vor dem Buch beugen – voller Jubel, dass es da ist, voller Trauer, dass Larissa Reissner nicht mehr da ist. Ich habe die alte Ausgabe halb auswendig gelernt und die neue viermal gelesen, und es wird nicht das letzte Mal sein. (Zwei Fehler; Seite 416: es heißt nicht la drapeau sondern le drapeau; Seite 412: »Sie lernten ihm, wie man Reichtum anwendet«, was hoffentlich ein Druckfehler ist.)

Diese Darstellungskunst, dieser Charakter und diese Verve sind für eine Epoche einmalig. Der Nachttisch ist leer – ich mag nach diesem Wunderwerk nichts andres mehr lesen. Larissa Reissner – Ehre ihrem Andenken.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 11.02.1930, Nr. 7, S. 248.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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