Reinigung – aber womit?


Mir ist aufgefallen: es gibt eine ganze Menge sauberer Menschen. Sie waschen sich, zumeist auch da, wo sie sich früher nur ungern und an höhern Feiertagen zu waschen pflegten; sie putzen ihre Sachen ab, sie schrubben oder lassen es tun, sie reinigen, säubern, putzen, machen, tun ... nur:

Wenn man dann nachsieht, womit sie reinigen, dann muß man sich sehr wundern.

Kochen sie ihre Zahnbürsten aus? Reinigen sie ihre Besen? Waschen sie ihre Staublappen? Säubern sie ihre Kämme? Museen des Drecks kann man dort entdecken, wo man es am wenigsten vermutet: in den Reinigungsinstrumenten. Es ist, als unterlägen jene nur der Zwangsvorstellung, sich zu säubern – aber sie achten nicht darauf, womit sie es tun.

Was auf eine Frage der hauswirtschaftlichen Erziehung hinauslaufen täte – aber freilich: so optimistisch sind wir nicht. Es wird noch lange, lange Jahre dauern, bis Hausfrauen verstehen, was eine vernünftige Normung ist; bis sie Maschinen gescheit für sich arbeiten lassen; bis sie ihren Kram mit Liebe und Verständnis tun. Ich spreche nicht von der Notlage solcher Hausfrauen: ich glaube, dass man fast alles, was sie tun, praktischer, sauberer, schneller und ebenso billig und ebenso teuer machen kann, als es heute geschieht. Aber ich will mich mit der russischen Regierung nicht verfeinden ... wie man früher sagte.

Sich zu säubern ist gut. Die Säuberungsgegenstände reinlich halten ist besser. Sind die immer reinlich? Sie sind nicht immer reinlich. Sehen Sie: der Staat kämmt sich in der Rechtspflege die Schuppen aus dem Haar. Nun sagen Sie selbst –: womit tut er das –?

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 05.11.1929, Nr. 45, S. 711.





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