Der rechte Bruder


Wenn Sie sich noch besinnen, was eine Bierzeitung ist: da ist ein Buch erschienen, das ist im besten Sinne eine Weinzeitung, eine Sektzeitung, eine Whiskyzeitung. Es ist ungeheuer amüsant.

Es heißt: ›Der deutsche Maskenball‹ (bei S. Fischer zu Berlin) und ist verfaßt von Schriftsteller Linke Poot (eines der wenigen Pseudonyme, auf die ich leider keinen Anspruch machen kann). Es ist ganz himmlisch.

Dieser Linke Poot kitzelt mit dem Florett, wo Heinrich Mann zugestoßen hat – und er hat mehr Witz als das ganze Preußen Brutalität, und das will etwas heißen. Er beschäftigt sich sanft, prägnant, spaßig, ›ausverschämt‹ und inbrünstig mit dem neuen Deutschland. Es ist eine ganz neuartige Sorte Witz, die ich noch nie in deutscher Sprache gelesen habe.

»Die westlichen Juden«, steht da so ganz harmlos, »sind beleidigt, aber darum noch keine Semiten.« (Der saß – sagt der Berliner.) Da ist eine kurze Historie des Kapp-Putsches, die ist noch komischer als die Hosenmacher vorm Reichsgericht; da stehen Sätze wie: »Wohl dem, der eine Mutter hat, denn zwei wären zu viel« – und da ist von dem pinselblonden Militärstiesel der feldgraue Rock heruntergerissen, dass die Haare in der Nachbarschaft herumfliegen. Da steht eine Schilderung jener lichtenberger Tage, wo man den Berlinern vorlog, siebenundsechzig Kriminalbeamte seien von den Spartakisten ermordet, und das stimmte auch, nur waren es nicht siebenundsechzig, und nicht Spartakisten ... Herrlich, wie der militärische Apparat angeulkt wird – ich sehe noch die beiden kupferroten Gesichter zweier junger Schnösels in Leutnantsuniform vor mir, wie sie in der Untergrundbahn fuhren, heimkehrend vom frisch-frommfröhlichen Streit: in den Augen jene trutzige Entschlossenheit, die man sein eigen nennt, wenn man auf Landsleute schießt ... Da steht, die Schlappheit jener Murks-Demokraten höhnend, ein Stellchen über die immer noch schwarz-weiß-roten Fahnen: »Man besänftigte mich: das Gold ist schwer zu beschaffen, woher soll man jetzt Gold bekommen, es sind Kinder, sie hängen an ihren Fahnen, lassen wir ihnen ihre Fahnen. Und als ich erklärte: ›Ich bin auch ein Kind, ich will auch meine Fahne‹, flüsterte man erschreckt und zog mich in die Ecke: ›Machen Sie keine Witze, regen Sie die Leute nicht auf.‹« Und höllisch-kluge Dinge stehen in dem Büchlein: vom Domestizierungsprozeß dieser Nation, der alle Leute in die Büros zieht, von der Sinnlosigkeit ihres Mordens und von der Sinnlosigkeit ihres Lebens. Manchmal wurde ich im leisen Gleiten des Stils an Mechtild Lichnowsky erinnert, an ihre feine, ironische Art, die Nicht-Menschen zu erledigen, manchmal an die Pistolenkugeln Rodas ... und es ist doch Linke Poot.

Aber das Wort des Buches steht auf Seite 114. Nachdem vorher von der deutschen Republik (die leider nicht Lubitsch inszeniert hat) gesagt worden ist: »Da hatte man sie. Ein prächtiges Ding. Man überlegte, ob man ein Glasgehäuse darum bauen sollte, putzte es fleißig, zeigte es allen Nachbarn, hatte seine Freude daran. Einige ältere Männer und Frauen wurden damit betraut, das Ding in Ordnung zu halten und zu bewachen; denn es wird im Land furchtbar gestohlen« – nachdem das gesagt worden ist, steht zu lesen:

»Die Republik war von einem weisen Mann aus dem Auslande ins Heilige Römische Reich gebracht; was man mit ihr machen sollte, hatte er nicht gesagt: es war eine Republik ohne Gebrauchsanweisung.«

Drei Zeilen – und doch das Entscheidende über einen Laden, bei dem nicht einmal die angestellten Kommis so viel Interesse haben, ihren Job zu halten.

Ist das deine linke Hand, Linke Poot? Ein Glück, dass du nicht mit der andern zugeschlagen hast. Du Linkscher. Du bist der rechte Bruder.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 26.01.1922, Nr. 4, S. 104.





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