Rechenmaschine aus USA


Im Studio des Champs Elysées, einem der wenigen pariser Theater, in dem neben Jouvet überhaupt noch experimentiert wird, startet ein neues amerikanisches Stück: ›Die Rechenmaschine‹ von Elmer L. Rice.

Haben Sie schon mal im Theater geschlafen? Ich treibe immer unter der Bank Allotria, besonders in Paris, aber dieses Mal war ich überwach, den ganzen Abend. Ich wollte kein Wort verlieren, und ich habe keins verloren. Das ist eine dicke Sache.

Es fängt gleich richtig an: nämlich mittendrin. Frau Buchhalter Null steht am Waschtisch und gurgelt sich die Zähne und enthüllt ihre ehelichen Reizlosigkeiten und kämmt sich und quatscht: vom Kino und von den großen und kleinen Filmen und von Buster Keaton und vom Privatleben der amerikanischen Filmdiven ... Herr Buchhalter Null zieht sich sachte aus und sagt kein Wort. Das ist ein Zahlenmensch, der fünfundzwanzig Jahre bei derselben Firma gearbeitet hat, immer mit Zahlen, neben Zahlen, über Zahlen gebeugt – sein Gehirn kann nichts als rechnen. Sie sagt: »Fünf Dollar kostet der Platz ... « und er, automatisch: »Fünf und fünf sind zehn mal fünf sind fünfzig ... « Sie sagt: »Die Gish verdient achtzigtausend Dollar im Monat«, und er: »Das sind neunhundertundsechzigtausend im Jahr und in der Minute sind das ... « Und sagte sie: »Ich habe so gelacht, dass ich nicht mehr auf meinen vier Buchstaben sitzen konnte« – so sagte er: »Vier mal vier sind sechzehn, mal vier sind vierundsechzig ... « So eine Ehe ist das.

Zweites Bild. Am hohen Pult sitzt Herr Null seiner Mitarbeiterin Daisy gegenüber, und was sich da begibt, das ist noch nie geschrieben worden, Georg Kaiser ist der Sache sehr nahe gekommen – aber auf diese letzte Formel hat es, scheint mir, noch keiner gebracht. Sie sagt die Rechnungszettel an, er wiederholt die Summen, das Lied der Zahlen ertönt, und eintönig klappert der Geschäftsapparat: »4 Dollar fünfzig; 8 Dollar dreiundneunzig; 10 Dollar; 2 Dollar; 2 Dollar zehn – – « nur das Klappen der Löscher ist zu hören. Und während die Zahlen sumsen, fangen die Angestelltengehirne an, ganz leise privat zu summen; zunächst schnauzt Herr Null Fräulein Daisy an, weil es zu schnell geht und zu langsam, und dann schweifen die Gedanken von den Dollars in die weite Welt. Was da an verblühter Romantik aufsteigt, an Blasen verkümmerter und niedergehaltener Gehirne, das ist herzbrechend schön. »Wie muß das sein«, denkt sie laut, »wenn einen einer auf den Mund küßt – richtig auf den Mund!« – »Wie wäre das«, denkt er, »wenn ich meine Frau totmachen könnte, ohne dass es einer merkt. Ich würde ... « Der Tagtraum läuft, Freuds Blähungen steigen auf, eigentlich lieben sich die beiden; nein, sie begehren sich nur, nein, sie langweilen sich nur. So mutig sind sie, während sie Dollars zählen. » ... geh ich glatt zum Chef« und: »Im Hemd ist das Mädchen im Zimmer herumgelaufen, nur im Hemd ... acht Dollar zwanzig ... vier Dollar neunundneunzig ... « Es pfeift Mittag. Mit einer wundervollen fünfundzwanzigjährigen Geste steht Null an seinem Pult, legt die Büroärmel in die Schublade, dabei stülpt er sich den Deckel auf den Kopf, um ihn zu halten ... Da kommt der Chef.

Null hat ihn erwartet: heute ist er fünfundzwanzig Jahre dabei – »und ich habe nicht ein Mal gefehlt!« – Der Chef schmeißt ihn raus. Ja, die neuen Rechenmaschinen sind grade aufgekommen; er bedauert, einen so vorzüglichen und treuen Angestellten zu verlieren, aber die Geschäfte ... nationalökonomische Belange ... die Rationalisierung ... Die kleine Daisy kommt zurück, sie hat ihre Tasche vergessen; da stehen sich Chef und Angestellter gegenüber, der Chef gleichmütig, fett; der Herr Null drohend-demütig, mit erhobenem Arm. Wird Null den Chef töten?

Drittes Bild. Bevor der Vorhang aufgeht, sagt ein Chor: »Maschinen – Maschinen – Maschinen – schinen – sch ... st ... sch ... « und dann steht da der Mittagstisch der Nulls. Frau Null kommt hereingedampft: »Sch – sch – sch – « und schleppt eine kleine Dampfmaschine, das Essen herbei. Sie essen und bewegen die Arme wie die Ventile eines Kolbens, sie sprechen, und es ist das Geräusch, das Kurbelstangen erzeugen. Besuch. Sechs Menschenmaschinen kommen hereingefahren – sch – sch – sch – sch! –, sie werden auf Stühlen angebracht. Die zu diesem Zweck vorgesehenen Münder sagen Gespräche auf. Das typisch amerikanische Wettergespräch der Herrenmaschinen und das Klatsch-Gespräch der Damen; das Witzgespräch der Herren und das Gesundheitsgespräch der Damen; das Geschäftsgespräch ... und alles das mündet schließlich in ein herrliches patriotisches Gespräch, wo diese armseligen Räderwerke ihren eingelernten Haß herunterleiern: »Nieder mit den Negern! Nieder mit den Fremden! Hoch Amerika! Hoch das Vaterland!« Wenn das dem Regisseur Fehling in die Finger fällt: dann könnt ihr etwas erleben. Eintritt das Gesetz, der Staat, der Schutzmann. Und verhaftet Herrn Null: er hat seinen Chef erschlagen, weil der ihm gekündigt hat. Sch – sch – – sinken die Damenmaschinen in sich zusammen. Ab.

Viertes Bild. Verteidigungsrede des Herrn Null vor den (imaginären) Geschworenen. Um eine Kleinigkeit zu lang; um eine Kleinigkeit zu rhetorisch. Wie überhaupt der Autor das, was er in einem höllisch klugen Aufsatz über seine Figuren gesagt hat, nicht immer hat gestalten können: Null ist der Untertan, wie er also auch drüben in Amerikaleben muß: ein heimlicher Sadist, ein unterdrücktes Geschöpf, »versehen mit einem Gefühl der Überlegenheit seiner Rasse, um seinen sadistischen Ideen einen moralischen Unterbau zu liefern, der sie veredelt. Er tötet seinen Chef«, sagt Rice, »aber er wäre ganz außerstande, unhöflich mit ihm zu sprechen.« Und stellt – immer in der Vorrede – die höchste Forderung an sich und an das Stück, »Null ist zu gleicher Zeit ein Individuum und ein Typus«. Ja, wer das kann ... Aber jeder heißt eben nicht Gerhart Hauptmann.

Wir wissen ja auch von andern Beispielen her – Dos Passos, Lewis und Dreiser –, dass es drüben Männer gibt, die die Mechanisierung ihres Landes nicht stolz empfinden, sondern als eine Vergewaltigung der Natur. Und die höhnen, weil sie leiden. Es gibt ein anderes Amerika, so, wie es überall zwei Länder gibt.

Da steht er also nun auf seiner Anklagebank, der Herr Null, und wartet; Stimmen aus dem Dunkel steigen auf: »Coupable – coupable – coupable – coupable – « zwölfmal. Es ist aus. Er wird hingerichtet werden.

Fünftes Bild. Auf dem Kirchhof. Ganz abgesehen von Wedekind, der das für uns beinah ein für allemal zu Ende gestaltet hat: hier taucht eine Figur auf, in die Rice verliebt ist und die uns Europäern nicht so sehr viel sagen kann. Das ist ein beerdigter Puritaner, ein Mann, der zwar seine Mama erstochen hat, aber sonst so fromm ist, dass sich die Bibelsprüche biegen. Unterhaltung zwischen dem toten Null und dem toten Puritaner.

Sechstes Bild. Im Paradies. Perlen in der Unterhaltung, in die sich die inzwischen vermittels eines offenen Gashahnes dazugelangende Daisy mischt. Als der Puritaner nicht hören will, sagt Null: »Nun sehen Sie! Er stellt sich tot!« Das Herz geht einem bei diesen Totengesprächen auf: »Wenn ich das gewußt hätte, dass Sie mich so gern gehabt haben, Herr Null!« – und: »Wir waren schön idiotisch!« – und dazu immer ein paradiesisches Grammophon; denn so ist das in den Gefilden der Seligen.

Null arbeitet – als Geist – im Bauch einer Rechenmaschine und ist selig. Er brüllt vor Zahlen, er hantiert an den Hebeln und werkt umher, er hat nun gar keinen Sinn mehr als Zahlen, Zahlen, Zahlen. Drei Trillionen, vierhundertachtzig Billionen, dreihundertundsiebenundneunzig – Komma acht! Ein leider etwas redseliger Erzleutnant löst ihn von seinem Posten ab. Er soll wieder von vorn anfangen. Das wird ihm erklärt (schwächste Stelle des Stücks: geredet, nicht gestaltet). Die ›Hoffnung‹ erscheint in einer nicht allzu kostbaren Allegorie ... es hilft alles nichts: Null wird wieder ein zu puderndes Baby, es geht mit ihm alles von neuem an.

Achtes Bild. Sie stehen in derselben Haltung da wie vordem: der kündigende Chef, die kleine Daisy, die ihre Handtasche vergessen hat, und der gekündigte Herr Null. Er hat seinen Chef nicht getötet. Das Stück hat nur eine Schleife gemacht; in den winzigen Bruchteil einer Sekunde hat sich das ganze Drama eingeschoben. Was wäre, wenn ... Es war nichts. Null ist gekündigt. Ein Buchhalter ist gekündigt.

 

Nach einer nadelfeinen Psychologie, die auch nicht hat helfen können, uns vor einem Weltkrieg zu bewahren; nach einer Seelenzerfaserung, die anfängt, lächerlich zu werden, weil Typen als Individuen behandelt werden und Kollektivprodukte als Originalschöpfungen; nach diesem saftlosen und leeren Gerede ist das hier eine Erfrischung. Ja, es ist primitiv. Ja, es ist jung und einfach und manchmal zu einfach. Aber wohin muß sich das Mitleid mit der Menschheit flüchten? Wohin mit dem Schmerz über die Erde, über das, was sie aus unserm Leben machen? Wohin? Ins Kasperletheater. Und im Puppenhaften steckt hier mehr Herz als in den piekfeinen französischen Seelendramen und auch – halten zu Gnaden – mehr als in manchen Weltanschauungsklubs.

Das Publikum lachte mehr über die da oben als mit ihnen, also über sich. Es begriff so wenig wie die französische Kritik begriffen hat, die diesem Stück ziemlich hilflos gegenüber dastand. Wie man überhaupt solche Theater-Experimente in Paris niemals überschätzen darf: so ein Stück ist zum Beispiel niemals eine Sensation; es gehen wohl Leute – zu ermäßigten Preisen – hinein, sie sprechen auch davon, aber ›ganz Paris‹ spricht bestimmt nicht davon. Parolen werden hier nicht ausgegeben. Das ausgezeichnete Studio des Herrn Baty ist ein Théâtre ›d'avantgarde‹ – also steht es am Rande.

Das Stück aber ist von unserer Zeit. Oft sagen die Figuren wirklich genau das, was unsere Nachbarn auf der Untergrundbahn denken, und sie denken viel uniformer, als wir alle glauben. Manches ist vielleicht nicht übertragbar: eine Kündigung in Amerika ist etwas anderes als eine Kündigung in Frankreich. Aber es bleibt doch so viel. Was bleibt, ist: unser Leben.

Warum schreiben das die Leute nicht? Wo ist der berliner Geschäftsroman? Man muß sehen, was sich dafür ausgibt: dieser durchs Gehirn passierte Naturalismus, der keiner ist, weil er vor falscher Überlegenheit strotzt, weil er keinen Humor hat, weil der Autor sich gar nicht freut, ›einen nachzumachen‹. Ohne diese primitive Jungensfreude ist das aber nicht zu bewältigen. Wo haben die Leute ihre Ohren –? Warum schreibt keiner, keiner, was um uns ist –?

Fällt das Stück den Übersetzerwanzen zum Opfer, zu denen immer einer mehr gehört als jeder glaubt, dann ist es verloren. Es muß nachgedichtet werden. Dann hätte man zwar kein neues Genie entdeckt, aber einen höchst amüsanten, lebendigen, bunten und erquickenden jungen Autor.

Denn was suchen wir –? Erlösung durch die Gewißheit, Kameraden zu haben.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 01.01.1928.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright