Am Rande des Reichtums


Am Rande des Reichtums, da, wo er über die immer mehr und mehr verschwindende Bürgerlichkeit in die Unversorgtheit übergeht, wohnt ein merkwürdiger Stamm. Da wohnen die Affen der reichen Leute.

Es wohnen dort jene Balzac-Figuren, die es auf der ganzen Erde gibt –: sie leben mit den Reichen, ein bißchen von den Reichen, unter den Reichen – aber sie selbst sind nicht reich. Niemand weiß ganz genau, wovon sie eigentlich leben; die Armen halten sie für reich, die Reichen für unbemittelt, sie selbst wissen nicht, was sie sind. Sie wissen nur, immer wieder, eines Morgens: »Es muß etwas geschehen. Noch diese Woche brauchen wir Geld.« Dann geschieht etwas.

Dann macht sich die Wanze des Reichtums auf und entriert, mit der Miene des Reichen, halb gesellschaftlich, scheinbar zum Privatvergnügen, ein Geschäft. Es ist mehr eine schlendernde, eine atemlos schlendernde Tätigkeit, bei der zufällig, wie ein Spielgewinn – etwas abfällt: eine Provision, ein Verdienst, ein Plus ... sie warten so darauf und streichen es nachher lässig ein und, wenn sie klug sind, langsam. Diese Art von Geschäften wird mit den Mitteln der Reichen gemacht, mit entliehenen Mitteln und Formen, mit deren Sprache, Auftreten, Gesten und feinen Manieren. Dahinter grinsen der Hunger, die Demütigung, die Angst.

Sie wohnen am Rande des Reichtums und haben ihren Brot- und Kuchengebern genau abgesehen, wie die es machen. Sie wohnen in denselben Hotels und wissen nicht immer, wovon sie die nächste Rechnung bezahlen werden; sie spielen dieselben Spiele wie die Reichen, treiben dieselben kleinen Golfbälle wie jene vor sich hin, schlafen mit denselben Frauen und borgen dieselben Banken an ... Sie selbst sind nicht reich. Aber sie spielen ›reich‹ – sie wissen viel genauer als die wirklich Reichen, welche Krawatte unmöglich ist und welchen Maler man gerade trägt; worüber man noch lacht und worüber schon wieder; wo man im Februar zu sein hat und wo im Mai – sie sind erbarmungslos mondän ...

Die reichen Leute lassens hingehn. Sie zahlen, bewußt wenigstens, nicht viel dazu – niemand ist ja so geizig wie die reichen Leute. Wir andern bringens zu nichts, weil wir das Geld nicht so hitzig lieben, und das Geld kommt nur zu dem, der es sich noch im Schlaf erstöhnt. Die reichen Leute lassen die am Rande des Reichtums gewähren – sie sind nett mit ihnen, solange sie nicht angeborgt werden, solange der Schwindel nicht beim Tee aufknallt, solange man die Fiktion aufrechterhalten kann: auch jene gehörten dazu. »Kommen Sie nach Venedig, dieses Jahr –?« Kommt er nicht, wird man ihn kaum vermissen; kommt er, wird er stürmisch begrüßt, mit jener Überschwenglichkeit, die kein Herz hat. »Nein! Sie auch hier –?«

Es wimmelt am Rande des Reichtums von solchen, die mit Härte heruntersehen, die Stufen hinunter, die sie gleich, um Gottes willen, hinunterfallen können, und dann wäre alles aus. Aber noch stehen sie oben. Noch gehen sie hinter den Reichen her, wie die Suite eines Generals, der die Front abschreitet – die Angehörigen des Stabes sind so froh, nicht in der Front stehen zu müssen, und sie machen alle ein hochmütiges Gesicht ... Noch sind sie da und verachten maßlos ihre wahren Genossen der gleichen Steuerstufe, verkleidete Habenichtse ... »Wie macht der Mann das bloß –?« Allgemeines Achselzucken. Solange er nichts von uns will ... Ein bißchen viel eingeladen ist er, das ist wahr – auf seinen Reisen genießt er allerhand dunkle Vergünstigungen von Dampfergesellschaften, er gibt sich als Korrespondent aus, kennt – natürlich – den Direktor des Reisebüros, nimmt Ermäßigungen an, als erweise er dem andern noch eine Gefälligkeit ... wie macht er es bloß –?

Wie macht sie es bloß –? Frauen sind in diesem Grenzbezirk des Reichtums häufig; nicht einmal Hochstaplerinnen, nicht bezahlte Frauen, so ist die Farbe ihrer Kostüme nicht; diese Farbe ist gestreift, changeant, schillernd ... Sie vermitteln Ankäufe von Bildern und schmarotzen im Kunsthandel, welch Pleonasmus! – sie haben die Finger in mancherlei Autogeschäften und Buchsubskriptionen – sie sind immer sehr hübsch angezogen, kopiert das Modell, kopiert die Umgangsformen, kopiert ein Leben ... wie macht die Frau das bloß –? Allgemeines Achselzucken.

Das hats immer gegeben. Gesellschaftliche Übergänge sind niemals scharf – die Grenzen sind verwischt, es gibt zwischen Arm und Reich, zwischen Groß- und Klein-Bourgeoisie immer ein ›Niemandsland‹, einen Korridor, bitter umkämpft, eine Grenzmark, die noch immer nicht und nicht mehr ist ... gewöhnlich haben solche Grenzbewohner die schlechten Eigenschaften der beiden Volksstämme, zwischen denen sie wohnen. Diese hier, am Rande des Reichtums, sind hungrig wie die Armen und stolz wie die Reichen; skrupellos wie die, die nichts zu verlieren haben, und frech-gesättigt wie die, die nie hungerten – noch nicht und nicht mehr. Manche fallen endgültig herunter, wohin sie gehören – in die kleine Dreizimmerwohnung, an die sie sich nie mehr gewöhnen werden; manche fassen Fuß und bleiben oben und haben alles vergessen: Vater und Mutter und Herkunft und Mittel des Aufstiegs. »Man legt doch zum Lunch kein Bettlaken auf den Tisch ... « Es sind sehr feine Leute.

Der Rest wimmelt zwischen den beiden Lagern. Viele Männer, noch mehr Frauen, lebend von den Prozenten, so von des Reichen Tische fallen, mit sehr viel Snobismus und einem noch größeren Debet auf dem Konto des befreundeten Bankiers – sind viel zu klug, um bei Lektüre dieses Artikels zu erkennen zu geben, dass sie sich getroffen fühlen.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 07.04.1929, Nr. 164.





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