Die Prostitution mit der Maske


Der berliner Arzt Magnus Hirschfeld hat seine, wie der Prospekt besagt, wissenschaftliche Unterstützung einigen Filmwerken angedeihen lassen, und weil einer dieser, wie der Prospekt besagt, Aufklärungsfilme jetzt über die Spulen der berliner Lichtspieltheater läuft, wollen wir uns den Fall einmal näher betrachten.

Seit die Filmzensur in Fortfall gekommen ist, wetteifern die großen Filmgesellschaften darin, dem Publikum den gewohnten Kinokitsch mit derjenigen Würze anzurühren, die vorher im Polizeipräsidium sorgfältig aus dem Kochtopf entfernt wurde, bevor die Öffentlichkeit davon essen durfte: und diese Würze ist die Sexualität.

Nicht ungeschickt, wie die Herren Kinoregisseure nun einmal sind, überlegten sie sich: bringen wir unsere Hintertreppenromane nun noch mit dem Zusatz von öffentlichen Häusern, Messerkämpfen zwischen Zuhältern und Dirnen, Verführungen und ähnlichen aufregenden Dingen, dann haben wir bald die öffentliche Meinung gegen uns, die Zetermordio schreien wird und uns irgendwie das Handwerk legt. Was tun? Aber haben wir nicht die Aufklärungsfilme? Haben wir nicht eine Einrichtung, die sich herrlich mißbrauchen läßt? Her mit der Aufklärung! Und nun klären sie auf.

Die außerordentlich schwierige Frage, welche Ursachen die Prostitution hat, wie man sie einschränken oder gar abschaffen könne, wie man sie so erträglich gestalten könne, dass sie dem Volkskörper nicht gar so sehr schadet – all das wird, um ein Beispiel herauszugreifen, etwa so behandelt:

In einer Familie sind zwei Töchter. Der Vater ist ein Säufer, der seine eigenen Töchter verkuppeln läßt und mit einem Mädchenhändler gemeinsames Spiel macht. Bei einer Tochter glückt das, sie gerät in ein öffentliches Haus und verkommt dort – sie endet durch einen Lustmord. (Diese Szene wird im Film dargestellt.) Die andere Tochter wird entführt, betäubt und wacht in demselben Hause auf, wird aber durch ihren Freund befreit. Dazwischen spielen reizende kleine Szenchen: Tanz in dem Haus, diese Szenen schrecken nicht ab, sondern reizen höchstens an – eine Treppe ist nur zu dem Behufe da, damit Leute herunterkollern, dass es kracht, und eine Schlägerei in dem Zimmer einer Dame vor einem breiten Bett gehört wohl zu dem Ekelhaftesten, was ich seit langem im Kino zu sehen das Vergnügen hatte – und richtig! damit wir die Sozialhygiene nicht vergessen! Man sieht ein paar dumme Statistengesichter, die den Mund auf und zu machen, man sieht einige Glatzen von hinten, die einem Redner lauschen, und das ist, wie der Text sagt, eine wissenschaftliche Versammlung. Die Worte der Redner erscheinen im Text und enthalten einige Plattheiten, die die Prostitution weder erklären, noch entschuldigen, sondern verherrlichen.

Dazu gibt ein Arzt seinen Namen her und spricht vor einer solchen Vorführung von Maria Magdalena und der »taktvoll angebrachten Wahrheit«, aber das hat er schließlich mit sich und seinen Kollegen abzumachen. Was uns hier angeht, ist folgendes:

Die großen Filmgesellschaften verfolgen lediglich den Zweck, Geld zu verdienen. Diesen Zweck können sie nur erreichen, wenn sie sich sklavisch an die Bedürfnisse des Publikums halten. Das Publikum verlangt Spannung und Hintertreppe: sie geben ihm Spannung und Hintertreppe. Das Publikum verlangt Rührseligkeit und Sieg der Tugend: sie geben ihm Rührseligkeit und den Sieg der Tugend. Aber, verlangt das Publikum, die Tugend soll zwar siegen, – aber erst, wenn man sich an dem Laster genügend ergötzt hat. Das Stück geht nach der Melodie: Pfui! wie schön! Und der Filmregisseur tut, was er kann.

Diese gesamten Aufklärungsfilme, von denen einige schon in den Vorstellungen für Kinder auftauchten, sind ein öffentlicher Skandal. Sie haben nichts, nichts, nichts mit Aufklärung oder irgendwelchen ethischen Zwecken zu schaffen: sie dienen lediglich dazu, die Leute zu kitzeln. Den angehängten Moralspruch liest kein Mensch, und wenn das arme Opfer der sozialen Verhältnisse unter Harmoniumbegleitung zu Grabe getragen wird, dann schnupft befriedigt das ganze Parkett.

Die Wirkung aber ist diese: Die Sehnsucht unverdorbener junger Mädchen nach ein bißchen Paprika wird hier auf das trübste befriedigt – die anständigen Frauen lernen dies und lernen das, und die Ausgekochten grinsen freudig, denn sie wissen es alles besser und können es nach der Praxis erklären und ergänzen. Das Ganze aber ist eine Anreißerei schlimmster Sorte und jenen Kolportageromanen vergleichbar, die, mit der Flagge des Patriotismus versehen, den üblichen Rinaldo Rinaldini verbreiteten.

Der Film hat mit der Kunst nichts zu tun, und wenn sich das Kino tausendmal gute Schauspieler mietet (was es tut), und wenn es die besten Maler und die besten Fotografen bezahlt (was es nicht tut) – niemals wird eine reine Kunstleistung herauskommen, sondern stets ein trauriger Ersatz für ein gutes Theater.

Diese Filme aber sind Schund. In der ›Prostitution‹ zum Beispiel hat die, wie der Prospekt besagt, wissenschaftliche Mitarbeit des Doktors Magnus Hirschfeld nicht vermocht, einen orthographisch richtigen Kinobrief herzustellen, und die Inneneinrichtung eines Bordells hätte man schließlich auch ohne diesen berliner Gelehrten gut und sicher getroffen. Was man aber ohne ihn nicht getroffen hätte, das ist diese schmierige Mischung von Sentimentalität und wissenschaftlicher Phrase, von Roheit und ethischen Schlagworten, von Scheinaufklärung und Detektivroman. Mit euch, Herr Doktor, zu spazieren, ist ehrenvoll und bringt Gewinn ...

Gewinn bringt es. Und macht zugleich die guten Aufklärungsarbeiten der Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten zuschanden, die mit wuchtigen Tatsachen und vernünftigen Vorträgen und Demonstrationen, die übrigens meist für Männer und Frauen getrennt abgehalten werden, das ihre tut. Sie klärt auf. Diese Filmisten aber werfen nur Steine in den Sumpf, dass er gurgelt, Blasen steigen auf, die Wasserrosen schaukeln träge, die Irrlichter huschen, die falschen Volksfreunde verdienen Geld – es geht die Sage, der Doktor wolle nächstens auch die Homosexualität verfilmen, was uns noch gefehlt hat – und, im ganzen genommen, haben wir ein neues Laster: die Prostitution mit der Maske.

 

 

Ignaz Wrobel

Berliner Volkszeitung, 07.05.1919.





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