Presse und Realität


Mrs. Dubedat: Was hast du gesagt, mein Liebling? Ich kann ihn nicht verstehn ... (Seine Lippen bewegen sich wieder.) Walpole (beugt sich nieder und lauscht): Er möchte wissen, ob ein Reporter da ist.

Shaw: ›Der Arzt am Scheidewege‹


Man könnte glauben, die Ereignisse geschähen und glitten dann automatisch in die Zeitungen hinüber, von der Wirklichkeit in die Presse, von der Realität in die Wiedergabe. Das ist nicht richtig. Weil die Reproduktion der Wirklichkeit unendlich wichtiger ist als das Geschehnis selbst, so ist die Wirklichkeit seit langem bemüht, sich der Presse vorzuführen, wie sie gern möchte, dass sie aussehe. Der Nachrichtendienst ist das komplizierteste Lügengewebe, das je erfunden worden ist.

Weit entfernt, etwa die Nachrichten von Ereignissen möglichst so wiederzugeben, wie sie geschehen sind, die Wiedergabe also möglichst der Wahrheit anzunähern, ist das Bestreben aller Fachleute darauf gerichtet, die Wiedergabe organisatorisch und pressetechnisch so zu gestalten, dass man sie für die Wahrheit ansieht, und dass dabei doch die vielen Interessen von Auftraggebern, Industrien und Parteien gewahrt bleiben.

Der Redakteur ist durchdrungen von dem Axiom, dass man kein Ereignis so wie es geschehen ist vermelden könne, und deshalb kommt ihm gar nicht mehr zum Bewußtsein, wie er die Wirklichkeit verfälscht. Ich schalte bei dieser Untersuchung alle Fälle der klaren – ungefährlichsten – Korruption aus und nehme die landesübliche Praxis zum Gegenstand meiner Betrachtung.

Wesentlich an einer Zeitung ist zunächst und vor allem, was sie bringt, und was sie nicht bringt. Niemand wird annehmen, dass täglich stets grade so viel geschieht, wie in sechzehn Seiten hineingeht – aber fast jeder wird annehmen, dass da das Wesentlichste, gewissermaßen der Extrakt aller täglichen Geschehnisse, zu lesen sei. Ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch. Jede Zeitung hat eine Reihe Personen, Dinge, Interessensphären, die tabu sind – von ihnen wird niemals, weder im guten noch im bösen Sinne, gesprochen. Oft genug erfährt der Leser von großen Geisteserscheinungen, von geistigen Epidemien, von bedeutenden Kollektivitäten erst lange, nachdem sie sich gebildet, und lange, nachdem sie im Tageslicht gewirkt haben. So existiert, zum Beispiel, fast für die gesamte Presse das große religiöse Streben nicht, das neben der offiziellen Religion einherläuft, in ihr keine Befriedigung findet und sich in Sekten und Aposteln Ersatz sucht. Damit ist zweierlei erreicht: der Leser wird all diese Dinge für nicht wesentlich halten, und die öffentliche Resonanz, die unterstützen würde, fehlt. Es muß einer sehr stark sein, wenn man ihn nicht totschweigen kann.

Demgegenüber steht, was die Zeitung bringt. Und hier hilft nun die Realität nach. Wir werden weiterhin sehen, welche Mittel sie benutzt, um sich die Aufmerksamkeit der Presse, und damit der Öffentlichkeit, zu sichern – fest steht, dass die Presse nicht einfach spiegelt, sondern auswählt, und bei dieser Auswahl auf das kräftigste durch die Realität selbst unterstützt und beeinflußt wird.

Es ist selbstverständlich, dass reine Parteiblätter in der Auswahl ihrer Nachrichten tendenziös verfahren. Sie werden unbequeme Dinge gar nicht oder kurz, genehme Dinge ausführlich darstellen. Alle andern Blätter aber sehen gleichfalls nicht unbefangen ins Land hinaus, meldend, wie Lynkeus, was sie von ihrer Warte aus sehen, ohne sich darum zu kümmern, ob es Feuersbrünste oder fremde Kauffahrer, Mord oder Bauerntanz zu melden gibt. Teils suchen die Zeitungen, was sie melden wollen; teils rückt es ihnen die Wirklichkeit in den Vordergrund.

Zwischen dem Totschweigen und der gedruckten Nachricht gibt es nun zweierlei Zwischenstufen. Bestimmt werden sie durch die ›Aufmachung‹. Der Leser, dem du ein Bündel Depeschen (W. T. B.; private Handelsdepeschen; politische Sonderberichte) in die Hand drücktest, würde in den seltensten Fällen fähig sein, sich daraus ein Weltbild zu gestalten, das Wichtige vom Unwichtigen zu sondern, sich die Nachrichten selbst zu gliedern. Das besorgt die ›Aufmachung‹. Der Durchschnittsleser erlebt die Welt so, wie sie ihm seine Zeitung vermittels großer und kleiner Schriftgrade ordnet. Er teilt –– unbewußt – die Erde in Groß- und Kleingedrucktes ein. Und weiß nur selten, dass er der Spielball einer sehr klugen Berechnung ist. Der Verfasser der Schlagzeile, der Anordner von Fettdruck weiß, was er tut. Der Leser weiß selten, was er liest, und verwechselt das Arrangement mit der Schwere des Ereignisses. Das soll er auch.

All diese Mittel werden durchaus versteckt angewandt. In einem ausgezeichneten Heftchen von Oswald Rossi (›Journalistische Dialektik‹, erschienen 1920 bei Jahoda & Siegel zu Wien) finden sich diese Kunstgriffe zusammengestellt, und es ist erstaunlich, wie sie um so eher wirken, je primitiver sie sind. Am gefährlichsten sind sie dann, wenn sie – wie fast bei der gesamten bürgerlichen Presse und vor allem bei den Generalanzeigern – geheim auftreten. Ein Leitartikel der ›Freiheit‹ ist eine klare Sache – eine gefärbte Lokalnotiz der ›Allensteiner Zeitung‹ keineswegs. Eine politische Versammlung ist ein gutes Propagandamittel – ein besseres die feine Einträufelung einer Tendenz bei einem Kinderfest, einem Hauskauf, einem Streit mit einer Versicherungsgesellschaft: noch besser aber als alle zusammen eignet sich für die Propaganda die Nachricht über all diese Dinge. Die Tendenz dringt dabei in einen Körper ein, der gar nicht auf dergleichen gefaßt ist – der locus minimae resistentiae ist gefunden.

Das wird wohl immer so gewesen sein. Was aber erst im Industriezeitalter zur Vollendung gediehen ist, das ist die Beeinflussung der Presse durch die Wirklichkeit, durch eben diese Wirklichkeit, die reproduziert werden soll. Das Objekt herrscht.

Jede Institution – die katholische Kirche wie ein Seifen-Syndikat – hat das größte Interesse daran, dass von ihr in der Presse zu Zeiten gar nicht, zu Zeiten viel – und dann in einem bestimmten Sinne – gesprochen wird. Jede moderne Organisation trägt diesem Bestreben Rechnung und hat sich deshalb eine Pressestelle angegliedert. Man kann wohl sagen, dass alle wirtschaftlichen und politischen Kollektivitäten ein gut Teil ihrer Arbeit darauf verwenden, vor der Öffentlichkeit in einem bestimmten Lichte zu erscheinen. Denn dieser Schein ist wichtiger als ihre reale Existenz und oftmals unmittelbar erfolgbringend. Der Mittel sind viele.

Da sind zunächst die ›Beziehungen‹. Im Sprechsaal des ›Buchhändler-Börsenblattes‹ (einem der reaktionärsten und interessantesten Blätter Deutschlands) fand sich neulich der Vorschlag eines Sortimenters an die Kollegenschaft, sie sollten sich doch alle bemühen, Besprechungen über Bücher der und der Art in den Textteil der Zeitungen ihres Heimatortes zu ›lancieren‹. Wie man das macht, war nicht angegeben. Der Anfang vieler politischer und wirtschaftlicher Aktionen ist der, die ›Presse dafür zu interessieren‹. Ganz gleich, welche Mittel dafür angewandt werden: ob ein Diner, ein Geldkuvert, eine Frau oder nur eine Schmeichelei – klar wird, wie die Realität, die reproduziert werden sollte, nun für ihr Teil die Führung ergreift und dem Wiedergabeorgan erst zeigt, was wiedergegeben werden soll. So wie, nach Strindberg, die Frau hinter dem Bilde, das sich der Mann von ihr macht, lauernd hockt und auf Beute wartet, so hockt hinter den Zeitungsberichten die Wirklichkeit und wartet auf die Wirkung der von ihr lancierten Nachricht.

Der Zusammenhang zwischen Annoncenmarkt und Redaktion ist an dieser Stelle zu nennen. Er ist nur bei Käseblättern, vor allem in der Provinz, klar und offen. In den gefährlichem Fällen verbirgt er sich hinter »Zweckmäßigkeiten«, hinter ›Opportunitätserwägungen‹ – ja, dieser Zusammenhang braucht dem anständigen Redakteur oft gar nicht bewußt zu sein. Er ist vorhanden, denn die Zeitung ist ein Geschäft.

Der Fall offener Korruption ist selten. Das ist für die Reinigung der öffentlichen Atmosphäre nicht gut – denn die Aufdeckung solcher Fälle würde die Achtung vor der Presse vermindern, und niemand nähme sie mehr so ernst wie heute, da sie weit schlimmer als korrupt ist: nämlich beeinflußt. Und zwar unkontrollierbar beeinflußt. Es ist den Redakteuren so in Fleisch und Blut übergegangen, nicht zuletzt an die Wahrheit, sondern zuletzt an die Wirkung ihrer Nachricht zu denken, dass in einem Fachorgan erwogen wurde, inwieweit man über das Elend Deutschlands berichten solle. Einerseits sei es von Nutzen, andrerseits von Schaden ... Die Wahrheit zu berichten, koste es, was es wolle – davon war nicht die Rede.

Die Wirklichkeit drängt sich also vor und imputiert der Presse, was geschehen und was zu berichten ist. Die Presse nimmt längst keine bloße Kenntnis mehr von der Realität – sondern die Realität hat die Presse genommen. So wird tot geschwiegen und lebendig geschrieben. Kein Leitartikel, keine Glosse, kein Bildchen, hinter denen nicht irgendeine unausgesprochene Tendenz steckte. Es wird immer etwas gewollt, was nicht gesagt wird. Man könnte den Text jeder Zeitungsnummer ins Wirkliche übersetzen.

Die Wirkung dieses Nachrichtendienstes, dessen ungeschickteste und gewissenloseste Vertreter die deutschen Offiziere der Abteilung III b im Kriege waren, ist verschieden.

Der Redakteur bekommt mit der Zeit den Größenwahn. Besonders der beschränkte, der nicht sieht, dass er nur Handwerkszeug Größerer, hinter ihm Stehender ist. Er hat im Laufe der Jahre gelernt, dass das, was er nicht drucken läßt, für Hunderttausende nicht existiert – dass das, was er den Leuten mit der Papageientaktik in die Köpfe lärmt, für sie im Mittelpunkt der Erde steht. Er wird also immer mehr auf die Wirkung als auf die Wirklichkeit sehen.

Der Leser vertraut der Presse blind, weil ihn seine Zeitung ja nicht über ihr eignes Wesen aufklärt, und weil eine andre Einwirkung auf die Öffentlichkeit gegen die Presse nur sehr, sehr schwer ist. Die Wirkung auf den Leser wird in fast allen Fällen die gewünschte sein. Das Korrektiv mehrerer Zeitungen leisten sich außer den Fachleuten nur wenig Menschen – und so entsteht ein Weltbild, wie es entstehen soll, nicht, wie es ist.

Wirklich Lebenskräftiges kann die Presse zwar nicht töten. Aber sie kann das Wachstum hindern, störend eingreifen, Schädliches länger am Leben erhalten, Konfusion anrichten. Man kann den Katholizismus nicht totschweigen. Aber man kann falsche Gedanken hundert Jahre länger konservieren. Das wirklichkeitsstärkste Element hat auch immer die Presse in der Hand – der Satz ist richtig, wenn man unter ›wirklichkeitsstark‹ die souveräne Beherrschung aller Mittel der Lebensklugkeit, der Gasse und der Gosse versteht.

Das Weltbild der Zeitung ist absichtlich viel zu verzerrt, als dass es jemals Anspruch auf Wahrheit machen dürfte. Das kann nicht oft genug wiederholt werden. Denn die Erkenntnis, dass eine Nachricht ›in der Zeitung gestanden‹ hat und deshalb wahr ist, ist eine falsche Erkenntnis.

Besserung? Wenn man die ausgezeichneten Aufsätze Wilhelm Schwedlers in der ›Deutschen Presse‹ gelesen und daraus ersehen hat, wie dicht das Netz schon ist, das die deutsche Presse umstrickt hält: dann scheint offene Korruption immerhin wünschenswerter, damit niemand mehr diesen Korrespondenzen und Zeitungen glaube. Wohl noch nie ist in einem Fachorgan mit solchem Freimut über die Nachricht als Handelsobjekt gesprochen worden. Bei aller Milde eine vernichtende Kritik des Nachrichtenwesens, wie es ist – und nicht sein soll.

Die Industrie, die Partei, die Regierung, die Kirche – sie alle wissen, was sie an der Presse haben. Die Wirklichkeit, wie sie die Zeitung serviert, hat ein Sieb passiert. Was da steht, das ist nicht die Welt.

Das ist:

Die Welt

Gekürzte Volksausgabe und für den Schulgebrauch bearbeitet.

Man sollte sich lieber an das Original halten.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 13.10.1921, Nr. 41, S. 373.





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