Alfred Polgar, ›Hinterland‹


Von den vielen Arten, die Schande des Krieges zu betrachten, ist eine wohl am wirkungsvollsten: das ist die des still leidenden, nicht zornmütigen Menschen. Alfred Polgar hat sie gewählt. (›Hinterland‹; erschienen bei Ernst Rowohlt, Berlin.) Nein, er hat diese Art nicht gewählt – es ist die seine. Er gehört nicht zu jenen, die da aufstehen und Zetermordio gegen eine organisierte Schweinerei rufen – es ekelt ihn. Weil aber im Grunde seines Herzens der Humor glüht, so ist ein bittersüßes Getränk aus dem geworden, was er uns da gekocht hat.

Ein Teil dieser Geschichten ist im Kriege geschrieben und merkwürdigerweise auch gedruckt worden. Ein Berliner wird aus Österreich niemals ganz klug; welche Mischung von Roheit, Schlamperei, Dummheit, Gewitztheit, Raffinement! (Liebe Mitschriftsteller, das Wort ›Raffinesse‹ gibt es nicht, das ist eine schreckliche und krebsartige Neubildung!) Wir andern verstehen Österreich niemals ganz – wir erleben nur schaudernd in diesem Buche, wie es gewesen ist.

Was den Stil der Polgarschen Prosa angeht, so kann er etwas, worum ich ihn unendlich beneide. Alle seine Sätze, alle ohne Ausnahme, sind zu Ende formuliert. Die Fassung scheint endgültig. (Ihm scheint sie bestimmt nicht so; wer so schreibt, quält sich.) Es sind ganze Abschnitte darin, die durchaus klassisch anmuten – hätten wir pazifistische Schulbücher und nicht dieses wüste Gehetz zum nächsten Krieg, so verdienten diese Kapitel, dort aufgenommen zu werden. »Wer roh, brutal und stumpfsinnig ist, erträgt die Greuel des Krieges, jene, die ihm selbst, wie gewiß jene, die nicht ihm selbst widerfahren. Die andern schwanken zwischen Irrsinn und Verzweiflung.« Wie zementiert war dieser Boden, Stein, Stein, Stein. Aber es gab da Fugen und Ritzen, und aus denen wuchsen diesem großen Schriftsteller zarte Gräser der Ironie. Diese Pflanzen haben dann später geholfen, die Steindecke zu sprengen.

Ich frage mich, was wohl unsere Enkel, wenn sie dieses Buch in die Hände bekommen (Polgar würde sagen: bekämen), dazu sagten. Werden sie das verstehen? Dieser Hohn, der zum Beispiel in dem bezaubernden ›Interview‹ aufklingt; dort wird die Wartefrau eines öffentlichen ›HIER‹ interviewt, mit ernsten politischen Fragen wird die treue Schaffnerin behelligt, die dort die Wasserspülung beaufsichtigt, und sie antwortet auf alles. Aber diese Antworten sind so merkwürdig ... Bis sich denn ergibt: »Das Amt der guten Frau bringt es mit sich, dass sie nur mit alten Zeitungen zu tun hat. Vom Sommer 1916 ist das neuste Quartal datiert, das sie erworben hat. Und auch das nicht zur Lektüre. Was für eine verständige Frau!«

Und werden die Enkel die Sehnsucht verstehn, die damals in den Herzen aufflammte: einmal aus diesem vaterländischen Modder hinauszukommen, hinaus in andre Länder, in denen es noch vernünftige Menschen gab, keine Musterungskommissionen, sorglose Frauen, still arbeitende Männer, ›echten‹ Bindfaden und ›echtes‹ Leder und Butter ... ! Es war nicht auszudenken. Dieser Sehnsucht gibt Polgar hinreißenden Ausdruck. Und von den verbrecherischen Ärzten ist die Rede, die mit faradischen Strömen die Proletarier gequält haben ... ach, ich weiß. Ich weiß, dass man mit diesen sehr schmerzhaften Strömungen manchmal, manches Mal, auch Heilungen erzielen kann – aber es ist doch widerwärtig, wie diese uniformierten Schinder das niemals an ihrer gut zahlenden Kundschaft, sondern immer nur an wehrlosen Soldaten ausprobiert haben. Manche rühmen sich dessen noch heute. Und niemand hat sie zur Verantwortung gezogen.

Die Verantwortung ... Das ist das schönste Kapitel dieses Buches, und das gehört nun wirklich in alle Schullesebücher. Seite 73. »Die leitenden Staatsmänner und Generale übernehmen die ›Verantwortung‹ für das Schicksal, das sie den Völkern auferlegen.« Und was dann kommt, das müßt ihr selber nachlesen – es ist jene Verantwortung, nämlich vor der ›Geschichte‹, und das ist eine schöne Geschichte.

Das ist ein Buch! Die famosen Glossen über Berlin, in liebevoller Ironie; die Schilderungen aus dem verfallenden Wien; eine himmlische Satire über den Umsturz in Ungarn ... auch für die, die einen Teil dieser Arbeit schon in der ›Weltbühne‹ gelesen haben, ein nimmer endendes Vergnügen. Und das wimmelt von klugen Bemerkungen, das funkelt und strahlt und blitzt – und nie, niemals ist die Formulierung Selbstzweck; der Stil ist gebändigt von einem großen Meister der deutschen Sprache. Hut ab.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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