Paul de Kruif, ›Mikrobenjäger‹


Die Guten lassen leider fast überall eine Sitte durchgehen, die eine saubere Buchkritik auf das schärfste kompromittiert. Es ist da ein Lobgehudel ausgebrochen, das jede Empfehlung wertlos macht: es gibt keinen Verlag mehr, der nicht für jedes seiner Bücher ein Zeugnis vorweisen kann, wie es Dante, Balzac, Strindberg, Tolstoi und Dostojewski zusammen nicht bekommen haben. Das ist leicht erklärlich: es gehört nämlich gar nichts dazu, leere Ballons aufzupusten – und nichts wiegt leichter als diese kleinen Lobeshaufen, die man an jeder Straßenecke zusammenfegen kann. Da schreibt jeder über jedes, da wissen alle alles – Aber es ist doch eine Lüge und ein Schwindel, wenn jede neue Verlagsentdeckung (»In Amerika 80000000000000 Exemplare verkauft«) vier, zehn, hundertundzehn Literaten findet, die nur darauf gewartet haben, dergleichen hochzuloben. Diese Snobs, die einen neuen Modeschriftsteller wie eine Krawatte tragen, sollte man nach Hause jagen – bald wird das Publikum auf kein Lob mehr hören und nichts mehr glauben, wenn man es so anlügt.

Meist lohnt es nicht, zu ›verreißen‹, wozu ein nur billiger Mut gehört – aber manchmal lohnt es, grundsätzlich etwas über ein Buch auszusagen, weil man dabei etwas lernen kann.

Da habe ich also gelesen, wie wunderbar schön die ›Mikrobenjäger‹ von Paul de Kruif seien. (Im Verlag Orell Füßli, Zürich und Leipzig.)

Das Thema ist eines der schönsten, das es gibt: der echte Sieg von Menschen über die Materie, und noch dazu über die lebende. Nichts ist so groß wie ein biochemisches Rätsel. Dazu kommt, dass diese Wissenschaft sehr, sehr jung ist, kaum ein Menschenleben alt – wieviel Heroismus, Geduld, Zähigkeit, Fleiß und Intuition haben dazu gehört, damit entdeckt werden konnte, woran lebende Organismen zugrunde gehen. Von der Therapeutik zu schweigen: diagnostisch ist ein Fortschritt da, daran ist kein Zweifel. Paul de Kruif ist ein junger amerikanischer Arzt, und was hat er nun mit seinem Thema gemacht –?

Er hat es verniedlicht. Er nennt die Mikroben »die Teufelchen«, und er hat es fertig bekommen, aus den Willensmenschen Koch und Pasteur und Ehrlich Helden in baumwollgestrickten Rüstungen zu machen. »Ei, da gabs doch in der Nähe jene großartigen Farbenfabriken«, wird anläßlich der Forschungen über die Syphilis gesagt, »aus denen die Großmeister der industriellen Chemie Tag für Tag ganze Buketts von entzückenden Farben in die Welt sandten.« Very nice, is'nt it? Daß er einmal im Zusammenhang mit den Mikroben das Wörtlein »Husch!« verwendet, nur nebenbei – ich dachte im ersten Augenblick, Hans Reimann hätte die Ausgabe ein bißchen bearbeitet.

Sagte ich ›Forschungen über Syphilis‹? de Kruif sagt das nicht gern. »Die gewisse ekelhafte Krankheit mit dem verpönten Namen« ... Und einmal: »Eine dicke Lage von einem Stoff, den wir lieber nicht nennen wollen« und: » ... bessere und immer bessere Linsen herzustellen, wie er dann aber alles damit untersuchte, auch die heimlichsten und ekelhaftesten Dinge.« Was sind in der Medizin ›heimliche Dinge‹? Sperma? Exkremente? Es ist einfach eine Unanständigkeit, für ein Buch, das sich mit Fragen der Wissenschaft befaßt, die Sittlichkeitsanschauungen einer mittleren Amerikanerin zur Norm zu machen.

Unterbrochen wird dieser Unfug durch die Schilderung von Ärzten, die scheinbar raunzt, in Wirklichkeit aber diese Romanhelden goldisch findet. Pasteur klettert in seine kleine Dachkammer herauf, die er sich in der École Normale Supérieure eingerichtet hat – »Am nächsten Morgen flog er zu seinem gebrechlichen Inkubator, er wußte gar nicht, wie er hinaufgekommen war, natürlich ohne Frühstück!« Denk mal, Anne: ohne Frühstück! Und die Versuchstiere sprechen so niedlich: eine Schildkröte, an der experimentiert wird, »steckte ab und zu den Kopf aus dem Panzer und schien aus einem Auge zu zwinkern: ›Fein schmecken sie, die Bazillen, bitte um mehr!‹« So, genau so steht die reisende Frau Roseberry vor dem Capitol in Rom, Man weiß manchmal nicht, ob sich der Mensch, der das geschrieben hat, nur so lacknaiv stellt oder es wirklich ist. Von Frau Pasteur: » ... nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte, deren Vater er in der Zerstreutheit geworden war ... « Als Witz wäre das sehr gut – aber ich fürchte, es ist ein unabsichtlicher. Mitunter jedoch ist dieser Entdecker der Sacharin-Mikroben, der seine Forscher Monologe im Geiste einer Sonntagsschule halten läßt, durchaus nicht naiv, sondern bösartig.

Die Art, in der der Franzose Pasteur und der Deutsche Koch gegeneinander ausgespielt werden, ist höchst unfair – doppelt unfair für einen, der solange in Frankreich am Institut Pasteur gearbeitet hat. Immer wieder wird die alberne Nationalitätenfrage in dieses Gebiet getragen – und mitunter steckt der echte, schlechte Amerikaner hundertprozentig seinen Kopf hervor. Von Ehrlich und seinem Assistenten Shiga: »Diese Bestien (die Mikroben) machen sich gar nichts daraus, wenn ein Jude und ein Japaner ihre Beharrlichkeit vereinigen, um sie mit leuchtenden Farben zu vergiften.« Es wimmelt von solchen Stellen, deren Geschmacklosigkeit so groß ist, dass man nicht weiß, ob sie auf Frechheit oder Dummheit oder auf stilistischem Unvermögen beruhen. Wenn einer von einem Professor schreibt, er gehe »in seiner saloppen Poetenhaltung« herum, dann ist er eben ein Kaffer. Peinlich, wenn sich so etwas an große Männer mit der Gehirnleere eines Fußballspielers anbiedert: »Er konnte aber auch, so beweglich war das Japchen, ein Dutzend Experimente zugleich durchführen.« Kurz: so sieht das aus, was der Übersetzer, der seine Sache recht gut gemacht hat, im Vorwort »vornehme Popularität« nennt.

Dabei hat das Buch echte und seltene Helden zum Thema: denn dies sind Helden, die sich die Lues und das gelbe Fieber zu Versuchszwecken injizieren ließen. Die Witwe eines Mannes, der dabei draufging, bekam vom amerikanischen Kongreß fünfzehnhundert Dollar jährlich, was drüben nicht viel ist und einer, der beinah draufgegangen wäre, erhielt eine goldene Uhr und 115 Dollar, und vom lieben Gott wurde ihm eine kleine Paralyse dazu verliehen. Das sind wahre Helden – nicht die Herren Hindenburg und die andern.

Das Buch ist selbst eine Mikrobe: die der amerikanischen Weltkrankheit. Dieser verniedlichte Tod, diese Karikaturen, die so aussehen, wie sich eine höhere Mädchenschulvorsteherin einen heldenhaften Arzt vorstellt: diese fatale Anmeierei an ein halbgebildetes Publikum, das solche Bücher gern liest, weil das »Thema ihm so hübsch nahegebracht«, also heruntergebracht wird, so dass man nachher schön darüber mitreden kann: es ist das eine Verbreitung der ›Bildung‹, die mir auf das höchste zuwider ist. Und nicht das ist das Tadelnswerte, dass es hüben und drüben Lessinghochschulen gibt, sondern dass sich die Leute, die sie besuchen, wer weiß was darauf einbilden und sich nie gebildete Laien nennen, sondern als ›ernste Kenner‹ durch die Welt spazieren.

Ohne uns. Wenn das drüben die Art ist, ein schwieriges und wichtiges Thema an die Massen zu bringen, so soll uns das nicht kümmern. Aber es ist doch wohl nicht nötig, in Europa noch einmal auf den infantilen Standpunkt eines jungen Landes zurückzugehen und wieder von vom anzufangen. Immerhin hat es ja hier einmal so etwas wie einen Humanismus gegeben. Nicht einmal – auf 346 Seiten nicht ein Mal ein Aufblick zu den Sternen: kein Gefühl für das Geheimnisvolle in der Natur – gestrickter Pietismus und kein Gran von Frömmigkeit. Amerika hat wertvolle Leute. De Kruif ist ein guter Freund von Sinclair Lewis und ein geistiger Nährvater des ›Dr. Arrowsmith‹? Es tut mir sehr leid: sie sollen ihn drüben behalten.

Jetzt haben wir uns aber richtig in Schlaf geärgert, das Licht erlischt, und die Gedanken kreisen um die Mikroben eines prohibitionistischen Kamillentees, gegen den es offenbar kein Toxin gibt. Doch: es gibt eines. Die lernbegierige Offenheit eines älteren Kontinents und das Selbstgefühl, auch den Wolkenkratzern gegenüber Europäer zu sein.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 21.02.1928, Nr. 8, S. 287.





 © textlog.de 2004-2016 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright