Robert Michels, ›Der Patriotismus, Prolegomena zu seiner soziologischen Analyse‹


Was die gewichtigen Bücher angeht, in denen die geistigen Ströme rauschen, da hätten wir eines – aber es rauscht nicht. Robert Michels ›Der Patriotismus, Prolegomena zu seiner soziologischen Analyse‹ (bei Duncker und Humblot in München erschienen). Abgesehen von dem schauerlichen Untertitel – dass sich die Leute diese von Wichtigkeit triefenden Vokabeln nicht abgewöhnen können! –: das Thema ist das Thema des Tages; Michels hat das Thema aber so behandelt, wie wenn jemand Blümchen auf Seidenpapier stickt, die Tischdecke selbst fehlt.

Marxistische Studienräte sind keine Freude. Aber hier ist nun ein Fall, in dem doch zu sagen ist: es ist unmöglich, den Patriotismus zu verstehen, wenn man die wirtschaftlichen Zusammenhänge so vernachlässigt, wie es hier geschieht. Mit ihnen kann man diese Erscheinung nicht völlig erklären – das ist ein überheblicher Irrtum. Was ich jedoch bei Michels über die so wichtige und so sehr unzulänglich entwickelte Völkerpsychologie zu lesen bekomme, ist höchst mäßig; die Gelehrsamkeit ist mit ihm durchgegangen. Michels verwahrt sich im Vorwort gegen die Annahme, er besitze einen Zettelkasten. Um so schlimmer, um so schlimmer! Er wäre eine Entschuldigung für dieses wild gewordene Material, das sich selbständig gemacht hat. Es gibt eine Art Soziologie, deren fettigglänzendster Vertreter der unsägliche Sombart ist, eine Soziologie, die über alles und jedes klug daher redet, ohne jemals zu irgendwelchen Resultaten zu kommen. Um eines der besten Worte zu variieren, das ursprünglich auf die Philosophie gesagt worden ist: »Soziologie ist der Mißbrauch einer zu diesem Zweck erfundenen Terminologie.«

Dabei sieht Michels vieles sehr richtig. Gleich das Anfangskapitel ist sehr gut, in dem er untersucht, warum die Urform des nationalen Elitegedankens immer mythologisch ist: »Die Kausalität dieser Erscheinungen vom Mythos des Woher liegt im Geltungsbedürfnis der Nationen, dessen sie einmal zur Überwindung von Minderwertigkeitskomplexen, mit denen auch die Völker behaftet sind, also zur Genese von Vertrauen in sich selbst, bedürfen, zugleich aber auch zur Befriedigung des kollektiven Dranges nach scharfer Abhebung gegenüber den übrigen Völkern.« Er widerlegt treffend den patriotischen Expansionswahn: »Denn die Annahme von der Notwendigkeit der Idee, quia Expansionsfähigkeit, wäre gleich der Annahme, dass ein Fluß aufhöre, Fluß zu sein, sobald er der ›Notwendigkeit‹ seines Über-die-Ufer-Tretens nicht mehr unterliege.« Und dann einmal mitten ins Zentrum: »Patriotismus ist Zufriedenheit mit dem Platz, an den die Geburt den Menschen gestellt hat.« Es vernünftelt in diesem Satz; hier wird Schicksal gleich Zufall gesetzt – aber er kommt der Wahrheit doch sehr nahe. Auch in Kleinigkeiten, an denen dieses Buch leider so überreich ist, sieht Michels wie fast immer gut und klar; so, wenn er sagt: »Es gibt über den Durchschnitt hinaus sehnsuchtsbegabte Völker, Sehnsuchtsspezialisten.« Es wimmelt von sauber aufgepickten Zitaten (oh, wie schlug mein Herz, als ich las, dass Prezzolini einmal von der »schweigenden Dummheit des Hochgebirges« gesprochen hat – Protest aller Alpenvereine ... ) alles das ist sehr hübsch und amüsant. Aber, aber –

Wie der Patriotismus gezüchtet wird und mißbraucht; wie durchaus gute und saubere Gefühle, so die Liebe zur Heimat, in eine religiöse Verehrung des Staates umgelogen werden, und von wem das arrangiert wird: davon erfahren wir nichts. Wenn ein Mann unserer Zeit ernsthaft behaupten kann, der letzte Krieg habe an »höhere Probleme, wie die der nationalen Freiheit und der Selbsterhaltung« angeknüpft, so muß man denn doch fragen, wer eigentlich in diesen freien Staaten frei ist. Die Arbeiter? Die Angestellten? Die Kleinbauern? Nicht einmal die Universitätsprofessoren sind es, wie Figura zeigt.

Denn wie wäre es sonst möglich, dass in einem Werk über den Patriotismus fast ein Drittel wovon eingenommen wird? Von der ›Soziologie des Nationalliedes‹. Und wie kommt es, dass eine Frage der Kollektiv-Psychologie, der Wirtschaft, der Völker so ästhetisch-bürgerlich und brav zerläuft? Das kommt daher, dass unter dem Vorwort des Buches zu lesen steht: »Beginn Turin 1915; Schluß Rom 1928«. In Italien die Wahrheit über den Patriotismus schreiben? Man kann von einem Forscher Mut verlangen. Man kann von einem Forscher nicht verlangen, dass er Selbstmord begeht.



Quelle: www.textlog.de

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