Pariser Publikum


Paris, Anfang Oktober

»Heute sitzen sie wieder auf den Händen!« sagen die Schauspieler, wenn das Spiel zwar gefallen hat, die Leute aber nicht klatschen. Daß Zusammensetzung, Charakter und Art des Publikums allabendlich wechseln, weiß niemand besser als die Leute auf der Bühne. Doch läßt sich trotz allen Wechsels für eine Stadt, für eine Provinz ein gewisser Typus Publikum feststellen ... Wie ist das Pariser Publikum?

Naiv und subtil.

Naiv: worüber in einem französischen Theater gelacht wird, ist mitunter unvorstellbar. Paris hat der Welt den Bühnenrealismus gegeben; wie so viele französische Entdeckungen und Erfindungen ist auch diese von den Franzosen vor die Welt hingeschleudert worden ... da! ... und Frankreich selbst kümmert sich nicht darum – mögen die andern das ausbeuten. Und sie haben es ausgebeutet. Auf den meisten Pariser Bühnen spielen Schauspieler, die die Schule des Naturalismus niemals passiert haben. Das Pariser Theater ist grundsätzlich anders als das deutsche – für unsere Augen: welche verstaubten Späße!, welche abgestandenen Typen!, welche Chargen von vorgestern! – Und darüber wird gelacht. Es wird unabänderlich gelacht, wenn der ewig gleiche betrogene Ehemann umherschlurcht; wenn der ewig gleiche betrügende Ehemann »Himmel, meine Frau!« zurückprallt; wenn der rotnasige Gerichtsdiener seine Späßchen macht ... Das Pariser Publikum ist aber, besonders in den kleineren Theatern, noch naiver als bei uns die Leute im Film.

Daß in den Theatern der lateinischen Rassen nach langen Tiraden der Schauspieler mitten ins Spiel geklatscht wird, ist bekannt. Es wird aber auch applaudiert, wenn die Tugend siegt und das Laster seine gerechte Strafe erhält und untergeht ... Es hat für einen Fremden etwas unbändig Komisches, zu sehen, wie ein ganzes Theater aus dem Häuschen gerät, wenn der edle Held den bösen Verführer mit harten Faustschlägen vor sich hertreibt und nun das Publikum tobt: »Bravo! Bravo! Noch mal prügeln!«

So naiv sind sie. Und daneben, zu gleicher Zeit, haben die gleichen Leute eine Zartheit der Empfindung, wie man sie kaum in deutschen Kammerspielen antreffen kann. Der Reiz eines gut geformten Satzes geht auf die Masse über; seine Wirkung reicht bis in die höchsten Ränge (»Ça, c'est lancé!«), es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie das Pariser Publikum fast aller Grade auf die Nuance reagiert, auf die feinste Biegung, auf den Hauch einer Andeutung ... Dann rauscht es durch das Theater, dem Tier Masse läuft eine Gänsehaut über die tausend Rücken ... und daher die Möglichkeit, der Zensur, der Sitte und allen Mächten zu trotzen – hier braucht man nicht mit dem Zaunpfahl zu winken ... ein Streichholz tuts auch.

Es muß für deutsche Schauspieler, ganz abgesehen von der Sprache, nicht leicht sein, vor Pariser Publikum zu spielen. Es ist leichter und schwerer. Leichter: weil sie naturnäher und im ganzen nicht so blasiert sind, wie man das anderswo antrifft; schwerer: weil sie noch die feinste Nuance abschmecken. Publikum fremder Länder ist nicht besser und nicht schlechter als das deutsche. Es ist anders.

 

 

Peter Panter

Tempo, 08.10.1928, Nr. 24, S. 9.





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