Die Opposition


Reichsverband Deutscher Verbände zur Züchtung stubenreiner Gebrauchsdackel

(Opposition)


Im Anfang war der Verein; jede anderweitige Übersetzung des Wortes ›Logos‹ durch Faust beruht auf einem philologischen Irrtum. Danach waren zwei Vereine; ein feinerer und ein minder feiner – diese beiden bekriegten sich, denn ihre Sekretäre wollten auch leben. Als aber ein dritter Sekretär nichts mehr zu tun fand, weil beim besten Willen alle diesbezüglichen Menschen schon in den beiden Vereinen waren und eigentlich kein Platz mehr war für einen dritten: da erfand er dennoch diesen dritten Verein. Er faßte nämlich die beiden vorhandenen Vereine zu einem Reichsverband zusammen, nannte den Zusammenschluß ›Reichsverband der ... Verbände‹ und lebte herrlich und in Freuden, mit achtundzwanzig Kartotheken, sechzehn Privatsekretärinnen und acht Telefonen. Soweit gut.

Da stand die Welt. Und Gott sahe, was er geschaffen hatte, und siehe, es war gut, alle Menschen waren in den zu diesem Zweck errichteten Vereinen untergebracht, niemand stand mehr ungeschützt draußen – da aber erhob sich eine neue Schwierigkeit.

Die Menschen waren zwar alle Vereinsmitglieder –, aber unmöglich konnten sie alle einen Posten in diesen Vereinen bekleiden. Es gab wohl: erste Vorsitzende, zweite Vorsitzende, dritte Vorsitzende, erste Schriftführer und zweite Schriftführer; Direktoren und Generaldirektoren, geschäftsführende Direktoren, Präsidialmitglieder und Ehrenmitglieder –, aber es blieb doch eine große Masse von grauen und unglücklichen Menschen zurück: die waren gar nichts. Das jammerte den lieben Gott. Und er strich sich den Bart und erfand etwas Neues. Und wir haben nun die Bescherung.

Was ein richtiger Verein von 1930 ist, der etwas auf sich hält: der hat – in Klammern – eine Opposition.

Die Sache fing damit an, dass ein durchgefallener verhinderter Vorsitzender sowie ein Mitglied, das jeder Verein hat, nämlich jenes, das bei allen Sitzungen dabei ist und sich dortselbst ausstänkert –, dass diese beiden begannen, dem Vorsitzenden mächtig ans Leder zu gehen. Wenn er »Schluß der Debatte« beantragte, dann hatten die beiden noch immer etwas zu meckern, und wenn er Herrn Vollbarsch das Wort erteilte, dann lärmten die zwei – einfach, weil sie zu Hause und im Geschäft nicht so lärmen durften, und weil Lärm den Menschen bestätigt, und überhaupt. Manchmal fuhren sie nachts, neben den ängstlich aufgeschreckten Gattinnen, mit dem Schlachtruf »Zur Geschäftsordnung!« auf – dann bekamen sie Baldrian und einen Anschnauzer, und dann schliefen sie weiter. Im Verein aber trieben sie es bunt.

Eines Tages gesellte sich ein kleiner grauer Mann zu ihnen, der noch nie eine Rolle gespielt hatte, und von dem man im Verein eigentlich nur bei den Namensaufrufen etwas hörte. Der war auf einmal da. Dann kam einer hinzu, der hatte es mit der Polaritätsphilosophie, infolgedessen war er Postbeamter, und der behauptete, alle Vereine, die diese Philosophie vernachlässigten, könnten unmöglich ihr Ziel erreichen. Nun waren es schon vier.

Die vier rummelten und gaben in den Sitzungen nicht schlecht an; sie machten bissige Zwischenrufe, auf die sie sehr stolz waren, ihre Köpfe wurden ganz heiß, sie amüsierten sich königlich und ärgerten den ganzen Verein. Es war wunderschön.

Und eines Tages, genau zu dem Zeitpunkt, wo sich der liebe Gott den Bart gestrichen hatte: da begleiteten sich die vier Gerechten zur Straßenbahn, denn sie hatten unglückseligerweise einen gemeinsamen Nachhauseweg, und an jeder Laterne blieben sie stehen und hielten auf offener Straße die Reden, die sie im Verein zu halten keine Zeit und keine Spucke mehr gefunden hatten – da sagte der kleine graue Mann plötzlich das Wort seines Lebens. »Meine Herren, wir sollten unsere Opposition fester formieren!« sagte er. Die drei anderen stießen pro Mann einen schrillen Schrei aus, und nun redeten sie alle vier mit einem Male. Jeder hatte es gleich gesagt. Es war ein regnerischer Großstadtabend, elf Uhr zwanzig. Ecke Genthiner und Lützowstraße. Da ward die ›Opposition‹ geboren.

Die Opposition formierte sich. Sie wählte einen Vorsitzenden, eben jenen verhinderten, durchgefallenen; sie wählte einen zweiten Vorsitzenden, den kleinen grauen Mann; sie hatte einen Kassenwart und einen Protokollführer, so dass also die ganze Besatzung ausreichend beschäftigt war. Und eines Tages bekam sie auch noch ein Mitglied, ein ganz ordinäres Mitglied (das sich aber bald zu einem Posteninhaber hinaufentwickelte) – und nun war die Opposition komplett. Bald glichen die Sitzungen des Vereins männermordenden Schlachten. Sagte die Majorität Hü, dann brüllte die Opposition Hott; wollte die Mehrheit einen Pfingstausflug machen, dann schlug die Opposition eine Damenspende aus sinnigen Ostereiern vor – kurz: es war höchst fruchtbar und vergnüglich im Verein.

Die Opposition ruhte nicht.

Der Verein hatte nämlich ein Blättchen: ›Amtliche Verbandsmitteilungen (A. V.)‹. Was? Wir auch. Und die Opposition charterte einen Drucker, und der setzte, druckte, falzte und versandte: ›Amtliche Verbandsmitteilungen (Opposition)‹. Woran sich ein herrlicher Prozeß anschloß: Klage wegen unbefugter Titelanmaßung in Idealkonkurrenz mit Abtreibung. Zwei Rechtsanwälte hatten emsig zu tun.

Und die Opposition gedieh und wurde stark und war eine Freude vordem Herrn. Sie beschimpfte den Vorstand; sie warf dem Kassenwart Fälschung der Bücher vor (Beleidigungsklage); sie beantragte Änderung des Vereinsnamens und Abänderung der Fahnen (Sachbeschädigung); sie sang häßliche Lieder während der Sitzungen (ruhestörender Lärm) – und jene historische Tagung vom 28. Januar wird wohl noch allen Beteiligten in lebendiger Erinnerung sein. Durch eine unerhörte Schiebung (Übertragung des Stimmrechts auf die vorstandstreuen Garderobenfrauen) gelang es dem reaktionären, gemeinen, bolschewistischen, faschistischen, korrupten und zuchthausreifen Vorstand noch einmal, sich zu halten. 54 Stimmen: Ja; 53 Stimmen: Nein; 1 Stimmenthaltung. Kollege Entenstertz war von verruchter Hand auf der Herrentoilette eingeschlossen worden. Verrat –!

Und es geschah das Seltsame: der Verein spaltete sich nicht. »Unser Verein!« dröhnte die Majorität, »Wir sind vereinstreu!« pfiff die Minorität. »Wir halten durch!« die Mehrheit. »Wir bleiben bei der Fahnenstange« die Minderheit; »wir wollen nur ... « Was wollten sie nur –?

Sie wollten den Verein nochmal. Einer genügte ihnen nicht. Und weil es in jedem Menschenhaufen immer zwei Gruppen gibt: die fixen und die langsamen; die trocknen und die humorvollen; die sorgfältigen und die mit dem Husch-Husch, so zerfiel der Verein nicht, aber er glich nun einem Wagen, bei dem das eine Pferd nach links, und das andere nach rechts zieht. Die Leute im Wagen wunderten sich baß.

Die Familienväter der Mehrheit gingen abends in die Sitzungen, gekränkt und voll grollender Finsternis; die Junggesellen der Minderheit stürzten in die Sitzungen, bibbernd vor Aufregung. Lärmte die Opposition, so kochte es in der Majorität, würdevolle Papas hatten merkwürdige Assoziationen, sie dachten an die ungeratenen Söhne, an ihren Widerspruch und ihren Undank, und wenn die Majorität schön durchgekocht war, dann entlud sich der überschüssige Dampf in einem wilden Gebrodel von Geschrei, Radau und Händegefuchtel, das Schlimmste war hier aufgerührt worden: eine auf Faulheit basierende Treue zum angestammten Vorstand. Aber der Verein zerfiel mitnichten.

Die Opposition wäre untröstlich gewesen –, denn dann hätte sie keinen mehr gehabt, an dem sie sich aufregen konnte. Und die Majorität würde zwar erleichtert aufgeatmet haben, wenn »diese Brüder endlich raus wären – so, nun sind wir unter uns ... «, aber dann hätte es doch an jeglicher Würze des Vereinslebens gefehlt. Stubenreine Dackel kann fast jeder züchten –, die Seele des Vereins ist der Knatsch.

Nun war die Opposition schon auf dreiundfünfzig Köpfe angewachsen; davon achtundvierzig Titelinhaber. Und eines Tages ... , mir wird ganz angst, wenn ich davon erzähle. –

Eines Tages beriet die Opposition, die längst ein eigenes Vereinslokal hatte, eigene Garderobenfrauen und eigene Bierseidel –, eines Tages beriet die Opposition über ihr Verhalten in der nächsten gemeinsamen Sitzung, was sie der Mehrheit nun anzutun gedächte, und wie man durch überraschende Ablehnung des Vorschlags 17 dem Vorstand ordentlich einen auswischen könnte. Das war so gut wie beschlossene Sache. Der Oppositionsvorstand schritt zur Abstimmung.

Da stimmten zwei Mann dagegen!

Ungeheure Aufregung brach aus. Die Türen wurden geschlossen; der Oppositionsvorstand zog sich sofort zu einer vertraulichen Aussprache zurück. Alle guten Oppositionellen rückten von den beiden räudigen Schafen ab. Waren die zum alten Vorstand übergegangen? Keine Spur.

Eine neue Opposition war im Werden!

Und die neue Opposition zog gegen die alte Opposition zu Felde und nannte sich – in Klammem – »Neue Opposition«. Und die neue Opposition zeugte einen linken Flügel der neuen Opposition; und der linke Flügel zeugte einen radikalen Flügel, und der Radikale zeugte Melchisedek, und Melchisedek zeugte Jerobeam, und Jerobeam ... zum Schluß war der deutsche Idealzustand erreicht:

Jeder Mann seine eigene Partei.

Übrigens kommt so etwas nur bei Dackelvereinen vor. Politische Parteien tun dergleichen fast nie. Womit ich nichts gesagt haben möchte.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 26.01.1930, Nr. 44.





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