A. T. Wassiljew ›Ochrana‹


Nun ist nur noch ein Buch übrig geblieben. Wenn ich von dem erzählen soll, laßt mich erst einmal Atem holen.

A. T. Wassiljew ›Ochrana‹ (erschienen im Amalthea-Verlag in Wien). Dieser Wassiljew war Polizeidirektor bei der russischen Ochrana, und von der berichtet er.

Der Mann ist überzeugter Zarist; man wird also nicht erwarten, dass er die Ochrana, die ihm Brot, Ehre und Lebensinhalt gegeben hat, hinterher beschimpft. Nein, das erwartet man nicht. Auch nicht, dass er so ziemlich alles zugibt, was man der Ochrana vorwirft – er ist so dumm, dass ers noch zugibt, während er es bestreitet, und das Buch ist voll der infamsten Beschimpfungen der russischen Intellektuellen, des Sozialismus, von gänzlichem Unverständnis vom Wesen einer Revolution ... soweit ist das alles Sache des Herrn Wassiljew. Es ist, wie wenn jemand das Lallen eines besoffenen russischen Gendarmerieobersten ins Deutsche übersetzt hätte.

Vieles wirkt, wie wenn es ein böser Satiriker geschrieben hätte. Spitzel? Aus den Kreisen der Revolutionäre? Nein ... Nur: »Hatte die Ochrana eine Gruppe von Revolutionären ausgehoben, dann suchte sich der Chef der moskauer Ochrana Subatow jene Personen unter ihnen aus, die am ehesten beeinflußbar erschienen, lud sie in sein Privatzimmer und begann ihnen im freundlichen Plauderton die Verwerflichkeit der revolutionären Bestrebungen und die Gerechtigkeit des von der Regierung geführten Verteidigungskampfs auseinanderzusetzen.« Ist das nicht idyllisch? Er gibt Provokationen zu – die wurden aber scharf geahndet. Zum Beispiel so: Die russische Polizei stellt ein revolutionäres Flugblatt her, um ein paar Leute gehörig einzuseifen. Das kommt heraus. »Der Ochrana-Kommandant darf nicht länger in seinem Amt verbleiben; seine Absetzung ist dem Korpskommandanten unverzüglich zu melden.« Unverzüglich! So streng ging es im zaristischen Rußland her ... Er gibt zu, dass man die Post Tolstois heimlich geöffnet hat, aber: »Der redliche wahre Russe hat die starke Macht immer geachtet, sich vor ihr gebeugt, ohne zu fragen und ohne darüber nachzudenken, welches die Gründe für jene Befehle seien, die oft nicht leicht zu erfüllen und zu ertragen waren. Das kam daher, dass der Russe in der Tiefe seiner Seele wußte und verstand, wie doch die vom Kaiser eingesetzten Behörden nur dazu da seien, als treue Diener des Zaren das Wohl Rußlands mit allen Mitteln zu fördern.«

Und dann die fassungslose Verwunderung, wie ihn die Revolutionäre nun beim Kanthaken nehmen – wie denn? er soll (siehe bei Polgar) nun auch noch die Verantwortung für das tragen, was er gemacht hat? Nein ... ! Denn diese Kerle haben ja, wenns schief geht, zwei Ausreden, die sie durch die ganze Weltgeschichte begleiten: entweder sie haben nur Befehle ausgeführt oder sie haben nur Befehle erteilt. Und dafür trägt man doch keine Verantwortung! Ja, mit dem Maul ...

Man wird von mir nicht verlangen, dass ich mich ernsthaft mit einem Buch auseinandersetze, das die ›Protokolle der Weisen von Zion‹ ernst nimmt; das über die russische Judenfrage gradezu groteske Ansichten entwickelt; das die Maßnahmen der russischen Revolutionäre durch ein Monokel bespöttelt ... zum Glück ist das Buch unverhältnismäßig teuer und wird nicht viel Schaden anrichten. Auch das Skatspiel: Ochrana – GPU wollen wir nicht mitspielen. Nicht deshalb zeige ich das Buch an – Herr Wassiljew ist kein Gegner.

Was aber einmal gesagt und gefragt werden muß, ist dies:

Wer ist der Amalthea-Verlag? Willy Haas hat neulich in der ›Literarischen Welt‹ einen höchst instruktiven und guten Aufsatz über die Verleger Wiens veröffentlicht, wie immer von der besten Gesinnung getragen. Darin wird auch des Amalthea-Verlages Erwähnung getan, und er wird ernst genommen. Ich bedaure, Haas ausnahmsweise hier nicht folgen zu können.

Daß ein Verlag antibolschewistische Bücher druckt, ist sein gutes Recht. Daß diese Bücher, besonders die Fülöp-Millers, einen, wie soll ich sagen, leicht anrüchigen Eindruck machen, mag an meiner Nase liegen. Ich kann Millern nichts ›beweisen‹ und will es auch gar nicht. Daß der Verlag gegen Rußland hetzt, muß man ihm zugestehn – er ist frei. Dagegen wäre nichts einzuwenden.

Doch hat alles seine Grenzen, und ein Verlag ist für seine Autoren verantwortlich.

Und wenn ein Verlag wagt, ein Buch zu drucken, das diesen Anwurf hier enthält:

»Hierauf trat Lenin durch einen jüdischen Vermittler namens Helfmann, genannt Parvus, mit der deutschen Regierung in Verhandlungen und übernahm gegen eine hohe Belohnung die Aufgabe, in Rußland Unordnungen und Streiks hervorzurufen und überhaupt mit allen Mitteln Erfolge der russischen Kriegsführung zu verhindern« –

so scheidet damit der Almathea-Verlag aus den Reihen der ernst zu nehmenden Verlage ein für alle Male aus.

Es hat alles seine Grenzen. Man kann Hindenburg politisch bekämpfen, und das mit den schärfsten Mitteln; man darf sagen, dass seine militärische Bedeutung überschätzt wird, man darf gegen seine politische Haltung polemisieren – aber man hat anständig zu bleiben. Und wenn sich heute ein deutscher Verlag einfallen ließe, drucken zu lassen: »Herr von Hindenburg hat von England Geld erhalten, um nicht alle Möglichkeiten der Kriegführung zur Entfaltung kommen zu lassen« – so würde der Verlag mit Recht von der öffentlichen Meinung fortgefegt werden.

Und genau denselben Respekt nehmen wir für Lenin in Anspruch.

Bekämpft ihn. Sagt, er habe nichts als Unheil angerichtet. Schreibt, er sei überschätztes Mittelmaß. Sagt alles, was ihr wollt. Wer aber die persönliche Ehrenhaftigkeit dieses Revolutionärs in Zweifel zieht, der ist ein Schuft.

Ich nehme den Gendarm, der das Zeug geschrieben hat, nicht ernst. Ich habe nur den Amalthea-Verlag in Wien bis heute für einen ernsten Verlag gehalten. Ich tue das nicht mehr. Die Publikationen dieses Verlages verdienen keinerlei Erwähnung. Das Buch des echten Russen gehört dahin, wo vorhin Polgars Buch versehentlich hingeraten ist: unter den Nachttisch.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 20.05.1930, Nr. 21, S. 767.



Quelle: www.textlog.de

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