O. Henry, ›Bluff‹


Begeben wir uns an die kurze Form.

Kurze Form: O. Henry ›Bluff‹ (bei Gustav Kiepenheuer in Berlin erschienen). Manchmal kommen wirklich, wenn ich ein Buch hier besprochen habe, Anfragen an den Verlag, wo man das wohl bekommen könnte. Im Schlächterladen, meine Lieben. Wohnt ihr auf dem Lande, dann schreibt an die nächste große Buchhandlung – und wohnt ihr in der Stadt, dann dürft ihr euch doch wirklich nicht davon abschrecken lassen, dass der Sortimenter das Buch nicht vorrätig hat. Das kann man von keinem verlangen – ein so großes Lager gibt es nicht. Man muß den Sortimentern, gegen die ich mancherlei auf dem Herzen habe, das Leben nicht noch schwerer machen, als sie sichs schon gemacht haben. Dies nebenbei.

Die Geschichten Henrys, neben dem Australier Bret Harte einer der besten Leute für amerikanische Kurz-Geschichten, sind eine wahre Freude. Wie das gebaut ist –! Wie das sitzt –! Fast jede Geschichte hat einen kleinen Dreh, einen Trick, eine Überraschung ... eine kann man sogar öfter lesen; sie heißt ›Die Straße, die wir wählen‹. Das rührt nun schon an ernste Literatur. Ganz wundervoll. Henry hat viel Witz, viel Ironie. »Und Mama und Papa waren in die Metropolitan gegangen, um de Reszke zu hören. Wenn der Verfasser klug gewesen wäre, hätte ers auf den Fahnen in Caruso umgeändert. Aber das ist nicht meine Schuld. Es zeigt bloß, wie lange sich diese Geschichte in den Redaktionen herumgetrieben hat.« Oder: »Zwei Monate lang lungerte Colloway in Yokohama und Tokio herum und würfelte mit den andern Korrespondenten um Gläschen Rikshas – nein, das ist etwas, worin man fährt ... « Und so. Es muß eine Rasseeigentümlichkeit sein: bei uns gedeiht das nicht. In den Zeitungen und Magazinen wimmelt eine Sorte herum, die ahmt den Ton der englischen Kurzgeschichte nach, ganz genau, wie jene sich räuspern und wie sie spucken, besonders dies – aber in den Geschichten steht nichts drin. Die aller armseligsten Einfälle, über fünf Spalten weg ... diese Knaben sollten bei Hebel anfangen.

Wie Henry übersetzt ist, weiß ich nicht, denn ich kenne das amerikanische Original nicht. Klingen tuts nicht schön. Der Übersetzer, Paul Baudisch, hat sich da etwas zurechtgemacht, wenn er Slang übersetzt ... das ist recht scheußlich. Es wimmelt von Apostrophs, und wenn doch diese Gilde endlich einmal lernen wollte, dass die kleinen Hauptsätze, mit denen der Angelsachse die Hauptsache einleitet, mit Adverbien zu übersetzen sind! »I guess« heißt mitnichten »Schätze ... « – das ist Quatsch. So sprachen die alten Trapper aus unsern Indianergeschichten: »Schätze, der Mustang ist weggelaufen« ... laßt doch das sein –! »I guess« heißt manchmal: ›wahrscheinlich‹, und manchmal ›Wissen Sie‹ und manchmal ›wohl‹ und meistens heißt es gar nichts. Merkwürdig, aus welchen Händen unsre Übersetzungen kommen!





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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