Kleine Nachrichten


Der geschlagene Weltmeister Sharkey hat einen Ruf als Boxlehrmeister für Kansas City angenommen.

Der Chauffeur Theodor Schnitze, dem nach einem Zusammenstoß der Fahrschein entzogen wurde, hat eine Fahrschule eröffnet.

Doktor Rudolf Hilferding ist dem Kontrollausschuß der Banken beigetreten.

 

Die Abteilung Ia des Berliner Polizeipräsidiums verhaftete gestern fünf Kommunisten, die im Verdacht stehn, mit Waffenfunden im Zusammenhang zu stehn, von denen als sicher gelten darf, dass sie im Benehmen mit Personen gemacht wurden, die im Verdacht stehn, im Verdacht zu stehn. Ein Verfahren wegen Hochverrats ist demgemäß im Gange.

 

Wie wir hören, sind Verhandlungen im Gange, die eine Kreditgewährung an die Erde seitens des Planeten Mars zum Inhalt haben. Bisher hat der Planet als Antwort auf alle Anfragen nur seinen Namen gefunkt.

 

Ein bekannter berliner Dramatiker hat sich in einem Theater erhängt, weil seine Monats-Tantiemen wohl für einen Stehplatz ausreichten, nicht aber, auch noch Theaterzettel und Garderobengebühr zu bezahlen. Der Dichter, der als ausschweifend galt, hat sich in der Damentoilette erhängt. Der betreffenden Toilettenfrau ist gekündigt worden.

 

Reichspräsident Löbe weilte über das Wochenende zu Besuch bei Bekannten, in deren Hause Feuer ausbrach. Als die Feuerwehr anrückte, stand Reichstagspräsident Löbe bereits auf einem Stuhl und hielt eine feurige Ansprache. Er wurde gelöscht.

 

Die Filmbranche hat beschlossen, Ehrenwörter mit Gummizug in den Handel zu bringen. Die ersten zweitausend Stück sind bereits vergriffen.

 

In Genf gibt es einen Völkerbund.

 

In Reinickendorf ist eine riesige internationale Kommunisten-Zentrale ausgehoben worden. Ihre Fäden erstreckten sich von Reinickendorf bis nach Peking. Eine genaue Durchsuchung der Papierkörbe hat ergeben, dass in der Zentrale außerordentlich gefährliches

Stullenpapier

verwandt wurde. Die Polizei ist weiterem Stullenpapier auf der Spur.

 

Die obersten Sportbehörden aller Sportarten haben sich zu einem Reichskartell zusammengeschlossen. Wie wir hören, beabsichtigt das Kartell, die Ausübung von Sport bis auf weiteres gänzlich zu verbieten, damit die Behörden ungehinderter arbeiten können.

 

Gegen das Deutsche Reichspatent Nummer 678456 (Männerhosen mit Reißverschluß) hat der Verband der Deutschen Lichtspieltheater-Besitzer Protest eingelegt, weil er eine Störung seiner Vorstellungen befürchtet.

 

Da das deutsche Volk seinen Reichstag so sehr entbehrt, hat sich die Scala entschlossen, ihn zu engagieren: er tritt also allabendlich dort auf. Es wird gebeten, den Reichstag während seiner Arbeit nicht zu stören, das besorgt er selber.

Das Reichstagsgebäude ist nunmehr ganz und gar von dem Büro des Geheimrats Galle belegt worden, der sich dort selber verwaltet.

Reichskanzler a. D. Cuno hat sich bereiterklärt, seine Pension von 18000 Mark in der von ihm geschaffenen Papiermark entgegenzunehmen.

 

Die Ortsgruppe der berliner Bardamen hat ein Stillhalte-Konsortium gebildet.

 

Der Chefredakteur einer großen süddeutschen Zeitung hat erklärt, dass sich sein Blatt in der Beurteilung der Krise geirrt habe; doch hoffen die Ärzte, den Kranken durchbringen zu können.

 

Lord Breitscheid ist auch von der Ufa als Edelkomparse verpflichtet worden.

 

Das Reichsgericht hat den Plan, eine Studienkommission nach Italien zum Studium der Kamorra und der Mafia zu entsenden, als unnötig abgelehnt.

 

Wie wir hören, ist der Vorschlag, künftighin auf Botschafterposten nur noch Bürgerliche und in die Schützengräben nur noch Adlige zu schicken, wieder zurückgezogen worden. Es bleibt bei der alten Verteilung.

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 08.09.1931, Nr. 36, S. 378.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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