Magnus Hirschfeld, Andreas Caspar,
›Sittengeschichte des Weltkrieges‹


Kein Nachttisch ohne Kriegsbuch. ›Sittengeschichte des Weltkrieges‹ von Magnus Hirschfeld und Andreas Caspar (erschienen im Verlag für Sexualwissenschaft Schneider & Co., Leipzig). Hm ...

Hm – wegen der Bilder. Die sind ja nun wohl mehr für das Publikum, das das ›Pikante‹ sucht ... ich suche es nicht. Mich gelüstet nicht danach: aber mir wäre eine handfeste Schweinerei lieber als diese gerafften Röckchen. (Diesen Satz werden wir, gefälscht, in den völkischen Zeitungen wiederfinden.) Es ist viel dummes Zeug unter diesen Bildern, Sehr bezeichnend sind sie, aber wohl nur für die Zeichner, die die Begriffe ihrer Vorkriegserotik munter an die Schützengraben herantrugen – die Mädchen und die Soldaten sehen alle aus wie Figuren aus den ›Lustigen Blättern‹, Jahrgang 1911. Es scheint, dass die Gestaltung eines Ereignisses nie während des Ereignisses vorgenommen wird – sondern erst hinterher.

Der Text steht weit über den Bildern. Er drückt sich zwar, was die Rolle und die Tätigkeit der deutschen Besatzungsarmeen, und besonders was ihre Offiziere angeht, um die entscheidenden Punkte herum ... hier sind Konzessionen unverkennbar. Aber das Buch bringt viel neues und gutes Material – man sieht aus den Zeilen viel mehr, als man aus den Bildern lesen kann. Welch eine Schweinerei ist das gewesen –! Diese überstürzte Urlaubsliebe, bei der die Frau gefühlsmäßig immer hinter dem Mann zurückbleiben mußte; die Sauerei der Etappe, wo die Gonokokken bellten; die überhitzte Phantasie der Männer, wenn sie nicht grade in Gefahr waren – dann dachte wohl kaum einer an Weiber ... Eine wirklich schöne Bildseite hat das Buch. Seite 177. Unten: Französisch-amerikanisches Plakat gegen die Zoten: »Wenn du von Frauen sprichst, denke an deine Mutter, deine Schwester und deine Braut, und du wirst keine Dummheiten reden.« Wie niedlich! Das hatte sich bestimmt eine fromme Dame im Hinterland ausgedacht, und ein Zeichner, der grade von Muttern kam, hatte das gezeichnet. Darüber: die Schützengrabenzeichnung eines französischen Soldaten. Ah, mon vieux, das ist ein Ding! Eine verschmierte Sache mit einer gekritzelten Sphinx, mit phallischen Formen und von einer Eindringlichkeit des Begehrens, von einer tiefroten Dumpfheit, dass man schaudert. Das Buch hat zu wenig abschreckendes Material – es ist kein Gegengewicht gegen die unendliche Kriegspropaganda und die Reklame, die für teures Geld und mit vielen Pastoren, Fahnen, Denkmälern, unbekannten Soldaten, Manövern und Ministerreden auf der ganzen Welt für den Krieg gemacht wird. Und die Hämmel glauben das. Und laufen nächstes Mal wieder hinein. Gute Verrichtung! Aber jammert nicht hinterher. Ihr habt es so gewollt.





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