René Fülöp-Miller, ›Macht und Geheimnis der Jesuiten‹


Da hat es René Fülöp-Miller schon leichter gehabt. In seinem als dickes Buch verkleideten Werk ›Macht und Geheimnis der Jesuiten‹ (erschienen bei Grethlein & Co., Leipzig) hätte er alles über die Jesuiten sagen können, was er gewollt hätte. Was hat er gewollt –?

Das ›Acht-Uhr-Abendblatt‹ in Berlin hat eine Art Feuilleton für die späten Abendstunden erfunden; für jene Nervosität, die aus der Müdigkeit kommt, und der Typus dieses Feuilletons hieß etwa: ›Aus den Geheimnissen der Fürstenhöfe‹. Es war gar nicht so doll mit den Geheimnissen, aber die Überschrift war gut, die kleinen fettgedruckten Sätze (» ... Prinzessin in den Keller stieg ... «) waren es auch, und alle Leute hatten für zwanzig Pfennig Spaß. So ungefähr ist dieses Buch über die Jesuiten.

Die laufenden Seitenüberschriften entsprechen genau jenen kleinen Fettdrucksätzen (»Die Falltüren des Pater Oven« – »Ein Ballett der Willensfreiheit«) und es bleibt:

Eine auf Konjunktur geschriebene Kompilierung sauber abgestaubten Bibliothekmaterials. »Objektivität«, steht einmal in der gar nicht genug zu lobenden Lebensgeschichte Trotzkis, »besteht nicht in gekünstelter Gleichgültigkeit, mit der eine abgestandene Heuchelei über Freund und Feind spricht.« Es wäre sicherlich ganz verkehrt gewesen, eine Lobeshymne für oder eine Streitschrift gegen die Jesuiten zu verfassen – aber über eine so streitbare Gesellschaft scheinbar ›neutral‹ zu schreiben, ist ein Unding. Diese Neutralität erinnert an die Zeit der deutschen Nachkriegs-Putsche, wo die Regierungstruppen, als es um Biegen oder Brechen ging, mitunter ›neutral‹ Gewehr bei Fuß blieben. Sie wollten es nämlich mit keinem verderben, der ihnen später die Löhnung auszuzahlen hatte – sie warteten.

Die Darstellung bei Fülöp-Miller ist ungenügend: für jemand, der nicht weiß, was eine Meditation ist, bleiben die Seiten über Loyola fast unverständlich; die geistigen Kämpfe der späteren Jesuiten spielen sich wie auf einem Gobelin ab, man versteht nicht, wie sie sich um Worte so erhitzen konnten – aber es ging ja gar nicht um Worte. Die Methode der politischen Machtergreifung durch die Jesuiten wird nicht klar, und an keiner Stelle des Werkes wird von der Ungeheuern Ziellosigkeit dieses Ordens gesprochen: was will er eigentlich? Die Macht für sich? Gut; aber das ist doch kein Programm. »Ganz Rußland muß badisch werden« stand im August 1914 auf einem Eisenbahnwaggon. Kurz, es ist jene Sorte von Biographie und Kulturgeschichte, der sich das Publikum aus Verzweiflung über das Versagen der Fachwissenschaft ergeben hat: ein bunt bewegtes Kasperletheater, an dem alle ihre Freude haben. Hinten, in einer Papierfalte, liegt eine vorzügliche Bibliographie über den Jesuitismus, die man mit Nutzen studiert. Die Buch-Anlage von 576 Seiten taugt nicht viel.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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