›Deutsche Literatur, Sammlung literarischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Entwicklungsreihen‹


›Deutsche Literatur, Sammlung literarischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Entwicklungsreihen‹ (bei Philipp Reclam jun. in Leipzig). Das Unternehmen scheint besser als sein schwerfälliger Titel. Walther Brecht, Dietrich Kralik und Heinz Kindermann haben sich da eine gewaltige Aufgabe gestellt: sie wollen aus ältern und neuem Epochen der deutschen und auch außerdeutschen Literatur auswählen und die Auswahl systematisch herausgeben: Heldendichtung. Geistliche Dichtung. Mystik. Drama des Mittelalters. Volks- und Schwankbücher. Reformation, Barock. Aufklärung. Und so fort. Und so fort. Das Unternehmen soll zweihundertundfünfzig Bände umfassen. Zwei Proben liegen mir vor.

Politische Dichtung: ›Vor dem Untergang des alten Reichs‹. Und: ›Die Dichtung der ersten deutschen Revolution‹.

Da ist vor allem ein Einwand zu erheben: die Bände sind viel zu teuer. Jeder kostet gebunden acht Mark und fünfzig. Gewiß haben die Herausgeber eine große Arbeit geleistet, aber Autorenhonorare sind hier nicht zu zahlen, denn die ausgewählten Dichter sind heute frei, und so rechtfertigt sich der Preis nicht. Und wenn mir die Verleger, die sich ja selber mit diesen unsinnigen Preisen schädigen, wer weiß was erzählen: hier stimmt etwas in der Berechnung nicht. Der Verleger überlege, was er seinen Buchhaltern zahlt – so viele Buchhalter-Arbeitsstunden ist das Buch nicht wert. Und nur danach geht es, und wenn der Verleger etwa so zynisch wäre, zu sagen: »Meine Buchhalter sollen es ja auch nicht kaufen«, so befolgt er damit nur die dümmste aller Praktiken – die Konsumkraft des Volkes noch mehr herunterzusetzen und so zu tun, als zahlten die andern Arbeitgeber mehr. Das ist nicht wahr. Wer soll sich denn den Kauf der ›Politischen Dichtung‹ leisten? Ich bin kein Hungerleider, Aber ich kann sie mir nicht kaufen – so viel verdiene ich nicht. Und sie ist auch, siebenreihig, wie sie ist, ihre sechzig Mark nicht wert. Hier stimmt etwas nicht.

Die Arbeit ist, nach zwei Bänden zu urteilen, sauber gemacht. Bei einer von bürgerlichen Akademikern vorgenommenen Auswahl politischer Dichtung taucht natürlich die Frage nach einer etwaigen Tendenz und nach der Unparteilichkeit auf. Nun, innerhalb des Rahmens einer Universität und eines Seminars ist das musterhaft. Der Rahmen ist abzulehnen: die Einleitungen sind brav nationalliberal; es fehlen auch die unterirdischen Erzeugnisse dieser Literatur fast gänzlich – es gibt da besonders aus den achtundvierziger Jahren viel, viel mehr (siehe beispielsweise die kleine Sammlung ›Gift und Galle‹, herausgegeben von Ernst Drahn; bei Hoffmann und Campe in Berlin erschienen). Das fehlt. Was aber da ist, ist sauber ediert, und man lernt eine ganze Menge.

Wie man sich erst wieder in die alten Zeiten hineinarbeiten muß! Wie der Funke nicht gleich überspringt, wenn es sich um Durchschnitts-Talente handelt! Wie dergleichen oft einer Bierzeitung gleicht, einer Klassenzeitung, deren Leser schmunzelnd jede winzige Andeutung verstehen, weil sie wissen, wer mit ›Tyrann‹ und ›Eunuchen‹ und mit dem ›stolzen Neufranken‹ gemeint ist. Wir andern wissen es auf Anhieb nicht. Wir haben es gelernt; wir können auch in den Anmerkungen nachsehen – aber wir fühlen es nicht sofort und nur, was unmittelbar bekannt und vorhanden ist, eignet sich zur satirischen Wirkung. Kommt hinzu, dass besonders das Bürgertum, der Träger der damaligen Bildung, im achtzehnten und in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts den letzten Ausläufer des Humanismus darstellte, und nun also – für unsre Ohren – zopfig und später leicht staubig gedichtet wurde: alles ist behangen mit römischen und griechischen Allegorien, die einfache Empfindung fast immer übersetzt in einen Jargon der ›Bildung‹, weil man das häufig mit Dichtung gleichsetzte ... eine merkwürdige Lektüre! Aber eine lehrreiche. Und eine vergnügte Revolution war das, 1848! So viel guter Wille und so viel Zipfelmütze ... ! Bei dieser Gelegenheit: lest Ernst Moritz Arndt. Ihr werdet wunderschöne Entdeckungen machen – denn deutsch schreiben, das konnte er. Diese Bücherreihe wird trotz ihres hohen Preises und trotz der braven Auswahl für den, der sein Gebiet exakt bearbeitet, unentbehrlich sein. Er wird sie sich nur nicht kaufen können.

Etwas kaltes Wasser wäre nicht schlecht. Aeh – der Hahn ist kaputt. Der Hahn vom kalten Wasser ist kaputt. Es gibt nur warmes. Wollen wir zu Vischer beten, dem mit der Tücke des Objekts? Ich will eine neue Tücke erfinden; die Tücke der Subjekte. Ach, muß ich mich ééérgern ... Ärgern wir uns gleich über das nächste Buch mit. Aber das lohnt nicht.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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