D. H. Lawrence, ›Lady Chatterley und ihr Liebhaber‹


D. H. Lawrence ›Lady Chatterley und ihr Liebhaber‹ (Subskriptionsausgabe bei E. P. Tal in Wien und Leipzig), Ich habe die Dame Lieschen belogen: dies ist durchaus kein unanständiges Buch.

Über den ganzen Lawrence kann ich nicht mitsprechen; ich kenne von ihm nur dieses eine Werk. Das Buch haben sie in England verbrannt, gevierteilt, geköpft, was weiß ich. Warum?

Lawrence schildert uns da eine englische Dame, die ihren Mann an den Krieg abgeben muß; was zurückkommt, ist kein Mann mehr, sondern ein Rollstuhl-Inhalt. Sie beginnt ein Verhältnis mit ihrem Förster; die Leute sind sehr wohlhabend. Vorher hat sie für kurze Zeit einen Emporkömmling von Schriftsteller geliebt. Und?

Und Lawrence erzählt alles: sämtliche Liebesszenen bis in die letzten körperlichen Einzelheiten. Pornographie? Nicht die Spur – es ist ein durch und durch sauberes, ein schamhaftes Buch, trotz allem. Man könnte sagen, Lawrence erzähle einfach da weiter, wo die andern ihre drei Punkte setzen, und das wäre richtig.

Es stellt sich hier nun etwas sehr Merkwürdiges heraus.

Es ist nämlich damit noch gar nichts getan. Lawrence setzt Gassenausdrücke, übrigens auch da, wo ich es für ganz und gar unmöglich halte, sie zu setzen. Gibt es wirklich eine englische Gesellschaft, in der Männer in Gegenwart der Hausfrau solche Worte sagen? Das habe ich nicht begriffen. Und auch die Liebenden exzellieren in diesem Jargon, was durchaus verständlich ist, und sie schreiben das in ernsten Briefen, was weniger verständlich ist. Aber, und das ist die Hauptsache: es kommt nichts dabei heraus.

Es langt nicht. Es wird nirgends gezwinkert, nirgends, das ist eine große Leistung – aber es langt nicht. Einmal treibt die Frau mit dem Förster jenen kleinen Fetischismus, der normal ist ... die Szene wirkt nicht unappetitlich, sie wirkt ein wenig albern. Das sei so in Wirklichkeit? Dann fehlt hier aber viel. Und es ist sehr bezeichnend für das künstlerische Unvermögen Lawrences, dass er jene Nacht, in der die Frau wirklich zur Frau wird, nicht beschreiben kann. Die ersten Sätze sind gut: »In der kurzen Sommernacht lernte sie so viel. Sie hatte gedacht, eine Frau würde dabei sterben vor Scham. Statt dessen starb die Scham« – aber dann wird es ganz banal, ganz trivial, ganz Leihbibliotheksroman. »So! Also so war das! Das war das Leben!« Du lieber Gott –

Kompliziert wird die Sache noch dadurch, dass der Übersetzer die Sprache des Försters, der im Original einen mittelenglischen Dialekt spricht, mit einer Art Gebirgsbayerisch wiedergegeben hat. Und in dieser Mundart nun erotische Eindeutigkeiten ... es ist etwas Furchtbares. Ob das nun an dieser Sprache liegt oder an meinem Ohr ... Neulich haben sie mir ein Buch über den bayerischen Dialekt zugeschickt. Ich habe es nicht besprochen; vielleicht habe ich für diesen Charme, Berlin anzuflegeln und gleichzeitig neckisch eine Besprechung zu erbitten, nicht das richtige Verständnis. Jedenfalls: die Partien des Försters habe ich nicht ohne eine leichte Übelkeit gelesen. Dazu kommt, dass Lawrence nicht viel von den sieben Arten der Liebe weiß; sein erotisches Repertoire ist noch kleiner als das der Natur.

Sein Grundgefühl stimmt nicht. Lawrence muß so etwas geahnt haben, denn im Vorwort versucht er, sich gegen den Puritanismus der alten Generation und den »flotten Jazz-Menschen der jungen Generation« zu sichern ... er hätte lieber ein gutes Buch schreiben sollen. Wären diese ›Stellen‹ nicht: von dem Roman spräche niemand, weil er wenig belangvoll ist.

Wir können doch schließlich nicht dafür, dass sie in angelsächsischen Ländern die Sexualität etwas spät entdeckt haben ... Vielleicht ist das Werk für England eine Tat oder wie man das nennt. Im Zeitalter der ausgebauten Sexualwissenschaften aber ist es gar keine; dort steht alles viel klarer, viel besser, viel durchsichtiger – und gestaltet ist hier wenig. Daß sich Amor die Augen zuhält, ist nicht nur ein kitschiges Ornament, wie jeder weiß, der etwas davon weiß. Ich habe Pornographien Toulouse-Lautrecs gesehen – sie waren langweilig. Daneben aber hing der Halbakt einer Frau, vor einer Waschschüssel, und ein Meer von Frau lag darin, Fleisch, Duft, Härchen, Körper und das ganze Mysterium der Liebe. Es kommt nicht darauf an, alles auszusprechen. Es kommt darauf an, alles zu wissen oder doch vieles. Was Lawrence über die Liebe weiß, das ihm Selbstverständliche, ist schrecklich selbstverständlich. Ja, ja ... so werden die Kinder gemacht ... das ist wahr. Die Pantomime freilich ist überall gleich; der Unterschied zwischen Romeo und Julia und einem Paar unter den Brücken von Paris steckt nicht im Anatomischen. Er steckt im Kopf. 450 Seiten und so viel Arbeit und so viel Wagemut ... und so wenig Liebe.

»Das ist ein Scheidungsgrund. Liest hier säuische Bücher in der Nacht, statt zu schlafen. Ach, es ist ja ... « Nur noch ein Buch. Dann, Lieschen, mache ich bestimmt das Licht aus.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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