Kunst und Zensur


Im Tag schrieb dieser Tage der Ästhet Oskar A. H. Schmitz über die Zensur. Schmitz ist für den Gegner der Bourgeoisie wertvoll, weil er fast der einzige aus ihrem Lager ist, der sich unverblümt mit den unglaublichsten Ansichten hervorwagt. Seine Ausführungen laufen in diesem Fall auf folgendes hinaus: Die jetzige Zensur ist ja allerdings ein Unfug, weil sie von Ungeeigneten ausgeübt wird. Das Ideal der Zensur wäre die, die der »großen Masse« den »Schmutz in Wort und Bild« entzieht und ihn den Wählern der ersten Steuerklasse reserviert. Ich zitiere:

»Menschen mit sicherem Auskommen sind sozial nicht leicht erregbar ... Es ist bekannt, dass die Frivolität der höheren Gesellschaftskreise nicht annähernd so bedenklich im Interesse der Allgemeinheit ist wie die Verderbnis im Mittelstand oder gar im Volke ... Aber vollkommen begreiflich wäre es, wenn die Polizei zum Beispiel dasselbe Stück im Deutschen Theater verbieten und in den Kammerspielen erlauben würde ... Es ist auch ganz folgerichtig, dass ›Frühlings Erwachen‹ von Wedekind in Berlin, – in einem nur zu teuren Preisen zugänglichen Theater erlaubt wird, während es in Mittel- und Kleinstädten – verboten wird ...

Die Frage wird verstummen, ob Zolas ›Nana‹ gut oder schlecht ist. Natürlich ist sie gut, aber zu einer Mark pro Band in Warenhäusern verkauft, ist sie ein großes Übel. Was wäre zum Beispiel gegen den Simplicissimus zu sagen, wenn er heute nicht das beliebteste Familienblatt des deutschen Volkes wäre? Das Unglück ist nicht, dass wir ihn haben, sondern dass er so billig ist ... – Auf guten Fotografien – ist natürlich bedeutend mehr erlaubt als auf Ansichtspostkarten zu 10 und 20 Pf., auch wenn sie Nachbildungen von Werken großer Künstler wie Correggio enthalten ... «

Also die Fähigkeit, Schmutz von Kunst zu unterscheiden, wäre eine Frage des Einkommens? Jedem Arbeiter sein Gebetbuch und jedem Legationsrat seine Aktstudien! – Die Erziehung zur Kunst geschieht natürlich nicht durch »Verbieten«, sondern durch Besserung des Unterrichts (Schulelend, Herr Schmitz!). – Es muß das immer wieder betont werden; denn dieser Schmitz ist der Typ des satten Bürgers: sie sehen auf die ruhige Straße, in der sie wohnen, die Sonne scheint, nun, nach dem Mittagessen, einige kleine Zoten, nicht wahr ... ? Warum auch nicht! ... Wenn nur »denen da unten« die Moral erhalten bleibt! – Dabei vergißt man ganz, dass bei uns die Zensur wesentlich aus politischen Gründen existiert.

Mögen sich die Damen im Residenz-Theater jeden Abend vor der angenehm gekitzelten Zuhörerschaft an- und ausziehen, wenn nur nicht eine »Freie Volksbühne« es sich einfallen läßt, ein soziales Drama aufzuführen! Das Bildungsbestreben der proletarischen Massen zu unterdrücken, ist das Bestreben der Bourgeoisie. »Frivolität! Unzucht!« rufen sie, während sie es in ihren Kreisen: Freiheit, Sichausleben! nennen. Privilegierte Unsittlichkeit ist schlimmer als eine, die von der Unbildung her kommt, und ein Bauernknecht, der einer Magd ein Kind macht, steht höher als der Greis, der mit zitterigen Händen widerliche Bilder betastet. Wir wollen dahin gelangen, dass Zoten durch das Publikum von der Bühne und aus den Büchern verschwinden – dann wird auch die Zensur mit anderem Gerümpel dahin wandern, wohin sie gehört, auf den – Kehricht!

 

Kurt Tucholsky

Vorwärts, 25.04.1911.





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