Kultusministerium, ›Sittlichkeitsvergehen an höheren Schulen und ihre disziplinare Behandlung‹


Was, gegen die Kirche, erreicht werden kann, ist wenig, in Deutschland. Ein schwacher Vorstoß vernünftiger Anschauungen ist in dem Heftchen enthalten: ›Sittlichkeitsvergehen an höheren Schulen und ihre disziplinare Behandlung‹ (erschienen im Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig). Das Heftchen ist vom preußischen Kultusministerium herausgegeben worden und zeugt von dem anständigen Bestreben, wenigstens das Dümmste zu vermeiden. Es ist besser geworden.

Zunächst geht aus dem Buch hervor – was zu erwarten war –, dass es alles halb so schlimm ist. Wäre die ›Verrottung der Jugend‹, über die die Zentrumsblätter zetern, wirklich so groß, so sähe dieses Material anders aus. Da es sich um höhere Schulen handelt, so fallen hier die bittersten Folgen der Wohnungsnot und der Arbeitslosigkeit fort: von Inzest ist nicht die Rede, nicht von Jugendprostitution ... wir bewegen uns unter besser gekleideten Ständen.

Mich hat am meisten die seelische Verfassung der Erzieher gefesselt: wieviel Ressentiment ist hier, wieviel verklemmte Jugendpubertät, die nicht fertig verkocht ist; wieviel ›Möchtegerns‹ toben sich da in Verboten und strengen Ahndungen aus ... Im Intendanturkasino saß einmal ein Zahlmeister von uns, der war trübselig und ließ den Kopf hängen. Es war zum Gotterbarmen. »Was haben Sie denn?« fragte man ihn. »Ach ... « sagte er. Da rief eine kräftige Kommißstimme über den Tisch – und es blieb uns nichts erspart, der Satz hieß anders, und ich gebe ihn hier fein zurechtgebügelt: »Siewers! Sie müßten mal 'n Happen lieben!« Diese Erzieher auch.

Und grade jenen Pädagogen, die bei jedem unanständigen Zettel, wie ihn Kinder, diese kleinen Pornographen, in manchen Jahren ihres Lebens anzufertigen lieben, gleich aus dem Häuschen geraten, muß gesagt werden, dass etwas in ihrem Häuschen nicht in Ordnung ist. Man soll nicht immer die Beherrschten studieren – man soll sich die Seelen der Leitenden ansehen, die da glauben, ihre wirtschaftlich und hereditär bedingten Anschauungen seien das Maß aller Dinge.

So klar sagts das Kultusministerium nicht – aber es hat doch durch seine Provinzialschulkollegien oft mildernd eingegriffen, wenn die kirchliche und gewerbsmäßig keusche Sittlichkeit hohe Bogen schlug. Man hat Kinder mit strengen Verweisen, ja sogar mit Ausschluß von der Schule bestraft, weil einmal ein Fall von mutueller Onanie festgestellt wurde, von geringem Vergehen gar nicht zu reden. Solche überstrengen Erzieher beschämt das Wort eines Mädchens: »Das hört man und vergißt es.« Dieses Gutachten der Herren Hoffmann und Stern ist eine verdienstvolle Publikation. Es ist besser geworden.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright