Kopenhagener krabbeln auf ein Kriegsschiff


Die hohe Mauer an Lange Linie war gesteckt voll, und alle sahen zu den englischen Kriegsschiffen hinüber, die sich da ins Wasser gestellt hatten: hintereinander und nebeneinander, es war wohl ein ganzes Geschwader. Die schwimmenden Filialen der englischen Börse hatten ihre Kommis schon tagelang vorher in die Stadt geschickt – überall sah man die Matrosen mit den Tütenhosen, sie sahen vergnügt aus wie Reklamebilder für einen mittelkräftigen Whisky, der zu seinem Glück nicht in ›Deutschland auf Flaschen gezogen‹ war. Ja, das wollten wir uns nun also auch einmal aus der Nähe betrachten ...

Die imposante Breite des Schiffes gab uns zu denken. Ich, als alter Fachmann, sah natürlich sofort, dass es sechs Unzen, vier Komma drei breit und achtundachtzig Gallonen schwer war; es handelte sich um einen Mittelkreuzer aus der Klasse »Tirpitz« mit einem schwarzen Stern achtern. Wie unvorsichtig von den Engländern, solche alten Seekenner unbeobachtet auf ihre Schiffe heraufzulassen ...

Die dicken Röhren, die durch das Schiff liefen wie die Adern eines kranken alten Mannes, die Kajütenhitze, sanft gefächelt von den saugenden und pustenden Ventilatoren – die mit Metall vollgestopften Maschinenräume, die die Vision entstehen ließen: was geschieht hier, wenns da oben schief geht? – das war alles nichts gegen die Mädchen.

Die Mädchen gingen auf den Planken des Kriegsschiffes wie in einem Dampfbad. Sie badeten in der wohligen Atmosphäre von Männerbegehren – ihre Gelenke wurden biegsamer, ihr Fleisch weicher, ihre Nasenflügel schlugen Wellen ... Wenn sie an den blauen Riffen der Matrosen vorbeisegelten und es auf den Männerfelsen lebendig wurde, wurden sie noch einmal so dick. Im Klumpen der seebefohrnen Männer regte sich manchmal nichts – nur ein Auge blinzte, funkte die bessern Sachen hin und her ... ich wunderte mich, dass die Mädchen nicht laut gackerten ...

Sie lustwandelten, die lieben Kopenhagenerinnen, unter den englischen Matrosen – – aber das waren keine Matrosen für sie: es waren verkleidete Männer, so wie die Mädchen auf den alten Buntdruckpostkarten, an denen sich unsre Herren Väter ergötzten und denen vielleicht so mancher von uns seine Erschaffung verdankt – so, wie auf denen ›Die weibliche Parade‹ oder ›Die Frau als Lokomotivführer‹ abgebildet waren, eine amüsante Verkleiderei – so wandelten die Mädchen unter den Matrosen, und die Matrosen sahens gern und ließens sichs wohl sein und waren frisch rasiert und hatten wohl abends Landurlaub. Skal –!

Die Knaben aber aus Kopenhagen, die da aufs Schiff geklettert waren, hatten andres im Kopf. Hallo, ein Kriegsschiff!

Schon von weitem war aufgefallen, dass die Winker, die da auf den Gefechtstürmen umherstanden, winkten und winkten, sie kugelten sich fast ihre schwarz-weißen Arme aus den Gelenken ... Das waren die Herren Knaben, die an ihnen herumspielten, das durften sie, kein englischer Offizier, kein Matrose verbot ihnen etwas, jeder ließ sie machen. Und sie zogen Fahnen auf und ab, sie senkten die Strickleitern und holten sie wieder empor, versuchten, die Kanonenrohre abzubrechen – sie hatten so viel zu tun! Das ganze Kriegsschiff war ein einziges Spielzeug für sie – sie hampelten darauf umher und hätten es am liebsten auseinandergelegt und wieder zusammengesetzt, den Kapitän inklusive. Aber der Kapitän war nicht zu sehen, und so unterblieb das, leider.

Einen sah ich, der drehte ununterbrochen am Winkerapparat, er sah nicht einmal hin, was er da zusammenwinkte – er drehte nur. Er hatte sich vor der kleinen Maschine hingekniet, sein Kopf war ganz rot vor Anstrengung, und in diesem Badeschwamm von Jungengehirn war nur der eine einzige Gedanke: Wenn ich hier unten drehe, dann dreht sich das da oben, und jetzt bin ich der Kapitän, und ich winke dem bösen Feind ...

So entsteht die Lust am Krieg.

Kriegsschiffe spazieren fahren lassen –: das ist eine der besten Kriegsreklamen, die es gibt. Hat man schon je erlebt, dass ein richtiger Junge vor einem so herrlich blinkenden Apparat nach der sittlichen Idee des Ganzen fragt? Das tun nicht einmal Erwachsene, Professoren, Kriegsberichterstatter, Redakteure ... warum sollten es die Knaben tun? Sie wissen nur: es ist groß und bunt und stahlgrau, und wenn man unten dran dreht, dann bewegt sich oben etwas – und wofür das Ganze gemacht wird, ist ihnen vollkommen gleichgültig, wenn es sie nur unterhält, wenn es ihnen nur gefällt – »Nehm Se Kriech! det hebt Ihnen!«

Und das bleibt fürs Leben; Kindereindrücke haften. Und weil niemand dieser Generation (was so leicht wäre) in der Schule den Krieg so zeigt, wie er wirklich ist, so springt der Funke, den die Matrosen in den lustwandelnden Mädchen erzeugt haben, gewandelt auf die Knaben über, beide kommen auf ihre Kosten, beide bejahen den Handlanger des Kaufmanns, weil er bemalt ist wie ein Papagei, weil er ein Mann ist, hol mich dieser und jener, und eben, weil er da ist.

Da lagen die Kriegsschiffe des Geschwaders im blauen Hafen von Kopenhagen, und die Besucher brachten ihre Neugier mit und nahmen sich etwas andres von Bord mit: Lust am Mann und Lust an der Apparatur. Das genügt, wie sich gezeigt hat, für vier Jahre, und wenn sie noch so blutig sind.

So möge auch Gott mit unsrer herrlichen Flotte sein, die die Republik an der Gösch besuchen kann. Denn so fahren die Flotten aller Länder in der Welt umher, Achtung um sich verbreitend und Reklame für den jeweiligen Heldentod:

Hier bei uns werden Sie am komfortabelsten getötet! Glückliches Dänemark! Bleibe Zuschauer – sieh dir den Wahnwitz der andern an, du brauchst ihn nicht mitzumachen, bleib Zuschauer, fare well!

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 21.06.1927, Nr. 25, S. 976.





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