Der Kondolenzbrief


Das ist ein heikles Kapitel ... Wie sag ichs meinem Leser ... ?

Nämlich: die einzige Sorte Brief, die auch dem gewandtesten Briefschreiber Beschwer macht, das ist der Kondolenzbrief. Wer kann das?

Fall I: Der Dahingegangene hat uns sehr nahegestanden, die Hinterbliebenen auch. Dann widerstrebt es einem, die tiefsten Empfindungen aufs Papier zu setzen; aus lauter Furcht, Phrasen zu machen, macht man welche – der Empfänger weiß ja alles, was wir sagen wollen ... was um alles in der Welt soll man schreiben? Zernagter Federhalter ... Pein und Peinlichkeit.

Fall II: Der Dahingegangene ist uns ein guter Freund gewesen, die Hinterbliebenen mitnichten. Dasselbe wie im Fall I – erschwert durch die Tatsache, dass man sich nun vor dem Briefempfänger noch mehr geniert. (Untermelodie: Ihr habt den Mann gar nicht verdient.)

Fall III: Der Tote hat uns nicht nahegestanden; aber »man muß irgend etwas schreiben«. Ganz schlimm – fürchterliche Angstträume werden wach ... Sätze aus verschollenen Briefstellern ... Pein und Peinlichkeit.

Trost?

Wie wenigen Menschen ist es gegeben, andere zu trösten – es gibt kluge, alte Damen, die es vermögen, Geistliche, die ihren Beruf und die Menschen lieben ... der Fall ist also nicht sehr aussichtsreich. Und es ist nicht nur das Faktum, dass die Kunst, Briefe zu schreiben, immer mehr verschwindet – denn wer hätte so viel Zeit? – es ist auch noch etwas anderes.

Der Tod spielt in der Großstadt eine mehr als merkwürdige Rolle. Er wird, wenn man sich die Sache bei Licht besieht, von vielen Leuten verachtungsvoll-gut erzogen ignoriert. Es gibt zwei Schichten.

Die eine macht aus einer Beerdigung eine große, kleinbürgerliche Affäre. Darüber gibt es nichts zu spotten: es ist die Emotion, einmal Emotionen haben zu wollen ... die Freude am Schauspiel, das unter dem nördlichen, grauen Himmel selten genug ist ... das Geltungsbedürfnis der Familie sowie auch der verständliche Trieb von Privatleuten, einmal im öffentlichen Interesse zu stehen, und zwar in einem, das den anderen Interessen übergeordnet ist. (Prüfe dich ehrlich: bist du als Schulkind nicht – neben und unter aller Trauer – auch ein bißchen stolz gewesen, als du »wegen Trauerfalles« in der Schule fehlen durftest? Du bist ein bißchen stolz gewesen.) In dieser Schicht sind Zahl und Art der Kränze, Grabreden, Gesänge, Todesanzeigen und ihre Formulierung, Beteiligung an der Beerdigung und Kondolenzbesuche von großer Wichtigkeit.

Die zweite Schicht geht über einen Todesfall hinweg, wie etwa darüber, dass in Gegenwart von Damen plötzlich jemand aufstößt: man wendet indigniert den Kopf und hat es nicht gehört. Der Grundbaß aller menschlichen Kreatur: »Du bist gestorben, du – und nicht ich!« wird hier so stark, dass das Pathos ganz erstickt ist und nur noch das Gefühl der Leere nach dem Tode einer geliebten Person dominiert, für die Formalitäten der Trauer bleibt wenig oder gar nichts. Das trifft nicht nur für den Kondolenzbrief zu – es geht noch viel weiter.

Religiöse Menschen finden in der Bestattungsweise ihres Glaubens eine Stütze im Schmerz; wer nicht religiös ist, hat hierzu schweigen. Er darf nur eines sagen: Viele dieser Formen sagen uns anderen nichts; ihre ästhetische Ausgestaltung ist für die Nachahmer nicht unbedingt zu bejahen. Es erscheint mir würdig, wenn in der Trauerhalle eines Krematoriums der Sarg unter Gesang langsam in die Tiefe versinkt ... was sich auf den Friedhöfen abspielt, scheint mir zweierlei Fehler zu haben: die Form wühlt im Schmerz der Hinterbliebenen und zerrt an den Nerven – und die Form ist nicht schön.

Man braucht gar nicht das Malerauge des großen Schwarz-Weiß-Zeichners Felix Vallotton zu haben, um die »comique funèbre« zu sehen, die in vielen Begräbniszeremonien steckt ... was überall zu spüren ist, ist eine Unsicherheit dem Tode gegenüber; es ist, wie wenn der Tod zwischen den Großstadthäusern noch keinen Anzug gefunden hätte, in dem er schicklicherweise auftreten könnte ... hier ist etwas nicht in Ordnung. Wobei noch nicht einmal von der architektonischen Verfassung der meisten Friedhöfe gesprochen sein soll, an deren groteske Häßlichkeit sich das normale Auge derart gewöhnt hat, dass man es erst auf die Schönheit der gärtnerisch schönen Friedhöfe hinlenken muß, um es begreifen zu lassen, was hier gesündigt wird.

Dies ist kein Vorwurf und keine Kritik; es ist eine Feststellung. Besserung? Reichsverband für ... ? Nein, so geht es nicht.

Wer zerrissen lebt: wie kann der geschlossen sterben? Heinrich Eduard Jacob hat einmal sehr gut gesagt, dass im Abendland das Leid als eine Art lästiger Betriebsstörung gelte – der Tod krönt diese Leben nicht, er bricht sie ab. Und wie sollte wohl für solch einen Vorgang eine befriedigende Form gefunden werden?

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 29.04.1930, Nr. 200.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright