Die Kinderstube


»Bäh!« sagte die ganze Runde. »Bäh! Caspar, bäh!« – Und: »Hats weh getan? Hats weh getan? Nu seht euch bloß den Caspar an! Bäh, Caspar, bäh!«

Caspar stand in der Mitte des Kinderkreises und schnitt ein finsteres Gesicht. Er verstand die Welt nicht mehr. Die Sache war so gewesen, dass der Lehrer, ein roher und dummer Patron, die ganze Gesellschaft noch immer mit kurzen Hosen herumlaufen ließ, sie duzte und durchaus wie kleine Kinder behandelte. Sie waren aber schließlich aus den Kinderschuhen heraus, da waren Achtzehnjährige dabei, und einer war sogar schon zwanzig. Aber das ließ man nicht gelten ...

Und nun hatte Caspar einmal dem Lehrer gehörig seine Meinung gesagt: er könne es nicht länger mit ansehen, wenn immer nur die Keile kriegten, deren Eltern nicht soviel zahlen konnten, wenn Herr Wachtmeister – so hieß der Lehrer – sie alle abkanzelte, als ob sie kleine Jungens wären, wenn er seine Nase in alles steckte ...

Der Caspar hatte einen glühendroten Kopf bekommen, denn er dachte natürlich, die ganze Mehrheit hinter sich zu haben ...

»Was!« hatte aber da der Herr Wachtmeister geschrien, »waas?! – So ein rüdiger Lümmel! Los! Sabojetzky, Lammers, Kammerbach! Haltet den Kerl fest, ich werde ihm das Fell versohlen!«

Und richtig; sie hatten ihn festgehalten, ihn, der doch ihre Freiheit wollte, und dann hatte Herr Wachtmeister seinen Rohrstock hervorgeholt und hatte geschlagen: eins, zwei, drei, vier ... – bis fünfundzwanzig! – Und sie hatten gelacht, gejohlt, mitgezählt und sich unbändig gefreut ...

Er hörte noch dieses Lachen, das viel mehr schmerzte als alle Prügel der Welt. Sie hatten gelacht ... Ja, wußten sie denn nicht, wie alt sie eigentlich waren, wußten sie denn nicht, dass es draußen in den anderen Straßen Jungens im gleichen Alter gab, die lange Hosen anhatten und denen kein Wachtmeister mehr etwas zu befehlen hatte? Wußten sies nicht?

Oder wollten sies nicht wissen?

Denn immerhin: es hatte seine Vorteile, so als kleiner Junge behandelt zu werden. Zum ersten hatte man keine Verantwortung zu tragen, berief sich einfach auf Herrn Wachtmeister, ders so befohlen hatte, und war den ganzen Zimt los. Und dann ... die Geschichte mit den Reichen ... Wäre Herr Wachtmeister nicht gewesen, die ärmeren Jungens hätten sich längst zusammengetan und hätten die vier »Reichen« (wie sie allgemein hießen) zusammengehauen. Denn die nahmen den Armen noch ihr Letztes, wenn es so in ihren Kram paßte, sie ließen sich vorn und hinten bedienen und zahlten schlecht und manchmal gar nicht ... Einmal hatte man versucht, sich aufzulehnen, aber da war der Herr Wachtmeister dazwischengesprungen, der immerhin an den Eltern der »Reichen« viel verdiente, und hatte den Armen noch eine Tracht Prügel extra gegeben ...

»Bäh, Caspar, bäh!« schrien sie noch immer. Da raffte sich Caspar auf.

»Kinder«, rief er, »der Wachtmeister hält jetzt seinen Mittagsschlaf. Wir können also nicht gehört werden. Kinder, werft diesen Menschen heraus! Seht ihr nicht, wie er uns alle quält, wie er uns einzwängt, wie er sich der vier ›Reichen‹ gegen die fünfundneunzig Armen annimmt, wie wir nie, nie, nie zu etwas kommen, solange dieser Mensch im Hause ist? Werft ihn heraus, Kinder, wir sind ... « Aber er konnte nicht weitersprechen. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter.

»So?« sagte eine fette Stimme, »so? – Und was soll denn aus mir werden?« Es war der Anstaltspfarrer, Herr Kriechkriecher, der heimlich, wie das seine Art war, gelauscht hatte ...

»Sie müssen auch heraus!« sagte der Junge eifrig. »Sie sind ebenso schlimm. Sie sind schlimmer, denn Sie umkleiden alles mit einem frommen Spruch!«

»Hülfä! Räbällion! Hülfä!« schrie der Pastor, und sein wehender Rock verschwand durch die Tür.

»Jungens«, rief Caspar, »noch ists Zeit. Wer steht zu mir?«

Sie rührten sich nicht.

Ins Zimmer brachen Herr Wachtmeister und seine Leute. Der Pastor stand im Hintergrund und betete, während die dicken Hiebe der Peitschen auf Caspar klatschten. Er brach zusammen.

 

*

 

»Das Bürgertum«, schrieb die »Kreuz-Zeitung« einmal, »hat alle Ursache, diese Wahlniederlage der Roten mit Befriedigung zu begrüßen.«

 

 

Ignaz

Vorwärts, 02.02.1914, Nr. 32, S. 1.





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