Sandor Kémeri, ›Die Kerker von Budapest‹


Die Satire Polgars über Budapest ist lustig und bös. Blutig ist sie nicht. Ungarn aber ist blutig gewesen, blutig wie rohes Fleisch ... Davon steht zu lesen in einem kleinen Band ›Die Kerker von Budapest‹, von Sandor Kémeri, mit einem Vorwort von Henri Barbusse (erschienen im Buchverlag Kaden &: Co., Dresden). Nicht gut für die Nachtruhe – sehr gut für die Schärfung des Gewissens.

Sandor Kémeri ist das Pseudonym einer Frau, der Gattin eines ungarischen Journalisten, von Bölöni. Der Mann ist niemals Kommunist gewesen, die Frau auch nicht. Das Ehepaar floh vor Horthy aus Ungarn, weil der Terror unerträglich war – alle hatten zu fürchten, alle, außer den Uniformierten. Dann kehrte die Frau in einem gradezu fahrlässigen Vertrauen auf die Anständigkeit der ungarischen Regierung zurück, um nach ihrer beschlagnahmten Wohnung und nach ihren Sachen zu sehen ... Sie wurde natürlich verhaftet. Man behielt sie wochenlang im Militärgefängnis; ihr selbst geschah zwar nichts – aber was sie dort gesehen hat, das hat sie aufgezeichnet. Und das muß man lesen.

Es ist viehisch.

Es ist so gemein, dass ich diese Einzelheiten nicht noch einmal abschreiben mag – ich habe neulich bereits aus einem Buch von Barbusse Proben gegeben. Wie sie auf Menschenfleisch (meist Judenfleisch) herumgehackt haben! Wie sich ein irrer Sadismus noch an Sterbenden austobte – einem, der in den letzten Zügen lag, hat ein Soldat in den Mund gespuckt; wie sie schlugen, messerten, peitschten, brüllten, Stöcke in die Zähne wirbelten, auf Winselnden mit Füßen umhertraten ... das Zeugnis dieser Frau ist um so beachtlicher, als sie keiner Partei angehört, keine politischen Schlußfolgerungen aus ihren entsetzlichen Beobachtungen zieht – es ist nichts von Klassenkampf in dem Buch. Es ist einfach eine anständige Bürgersfrau, die zu zittern anfängt, wenn sie an das denkt, was sie da gesehen hat. Es ist grauenvoll.

Vergeltung? Es hat keine Vergeltung gegeben. Die Juden beten schon wieder für Horthy, der seinerseits ›gar nicht mehr so schlimm ist‹ ... es hat keine Vergeltung gegeben. Nun, ich halte befriedigte Rache für etwas grauenvoll Lächerliches: wenn der Feind zerprügelt am Boden liegt, schämt man sich, wenn man Nerven hat – was soll das? Was nützt uns das da?

Aber doch ... es ist nicht gut, dass Gottes Mühlen so langsam mahlen. Es ist nicht gut, weil in Ungarn (wie in Deutschland) Tausende von Menschen herumlaufen, die sich an Blutfusel sattgesoffen haben, die einmal ihre sadistischen Triebe haben frei auslaufen lassen können. Sind sie wirklich satt? Ja, sie mögen wohl gesättigt sein. Aber es ist nicht gut. Solch ein Gesindel ist vergiftet Zeit seines Lebens. Verroht, vertiert, Verzeihung: vermenscht ... wer das einmal fertig bekommen hat, wer so schrankenlos hat zuschlagen dürfen, wer aus Menschen Objekte gemacht hat und sich benommen hat, als befinde er sich in einem blutigen Bordell –: der bleibt eine sittliche Gefahr für sein Land. Ungarn wimmelt von solchen Bestien. Sie sind alle noch da. Gepäckträger sind sie nun, kleine Zigarrenhändler, Schutzleute, Feldwebel ... und haben den lieben Gott geprellt, der es ihnen im Jenseits vergelten ... wie?

Kein Wunder, wenn auf der andern Seite die Flamme glüht, und schwelt.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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