Der Katzentrust


»Im Amphitheater der pariser medizinischen Fakultät« – so steht zu lesen – »ist heute der internationale Rattenkongreß eröffnet worden.« Lisa, unterbrich nicht immer! Was für eine Frage! Natürlich Ratten – nein, doch nicht: keine Ratten. Ärzte waren versammelt. Guck: »Professor Roger wies in seinem einleitenden Vortrag darauf hin, dass Paris allein Tausende von Ratten zähle.« Lisa, jetzt komm ich dir aber gleich auf den Kopf! Was für Ratten! Was für Ratten! Solche wie du denkst, bestimmt nicht: die heißen auf französisch ›poules‹, dieselben mit Wasserspülung: ›poules de luxe‹. Fahren wir fort. »Diese Rattenheere bildeten eine ständige Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung.« Jetzt paß auf:

»Man habe zuerst versucht, dem Übel durch eine ausgedehnte Katzenzucht abzuhelfen, es habe sich jedoch herausgestellt, dass viele Katzen sich mit den Ratten zu gemeinsamen Raubzügen verbanden!«

Jetzt ist es also zunächst heraus, warum so viele Katzen in Paris herumsitzen. Sie symbolisieren irgend etwas: den Hausbesitzerstand; die Seele der Portiers, den weiblichen Charme – der Gewerbefleiß ist jedenfalls nicht darunter; denn die Katze ist das einzige vierbeinige Tier, das dem Menschen eingeredet hat, er müsse es erhalten, es brauche aber dafür nichts zu tun. Soweit gut. Diese pariser Katzen aber, meine ganze Freude, sind also ›aufgezogen‹ worden? Bei mir zu Hause, wo sie Schriftdeutsch reden, sagen sie dann gern: »aus bevölkerungspolitischen Gründen« – das hört sich so schön an. Also dazu sind die Katzen da ... sie sollten also doch arbeiten ...

Hat sich was. Denn was ist geschehen –?

Ich stelle mir die Sache ungefähr folgendermaßen vor:

Es ist nachts. Im Vorratskeller beim Potin um die Ecke sitzen die zwei Katzen des Hauses und unterhalten sich. »Schnurr«, sagt die eine – was, wie jeder Kenner weiß, achtzehnsilbig ausgesprochen wird und bedeutet: »Wir könnten eigentlich wieder mal ans Käsefaß gehen.« – »Murr«, sagt die andere Katze. »Ich habe einen leichten Appetit auf Sardinen.« So sprechen sie noch eine Weile – dann wandeln sie sammetpfotig fürbaß, zum Käse und zu den Sardinen.

Nachmittags hat Frau Potin zu der einen gesagt: »Mon petit minou, wenn du eine Ratte siehst ... « – »Ja«, hat Minou gesagt, »das ist ein alter Schlager.« Und hat gebuckelt ... Jetzt ist es so weit.

Aus der Ecke kommt ein leises Pfeifen: Das sind die Ratten. Eine steckt die spitze Schnauze vor ... Minou will sich auf sie stürzen und setzt an ... Da legt ihr die andere ernst die Pfote auf die Schulter. Die Ratte kommt hervor. Da stehen sie alle drei. Schweigen.

»Kinder«, sagt die Ratte. »Das ist doch Unfug, was wir hier machen. Ihr jagt mich, verliert eure Zeit, zum Schluß habt ihr eine Ratte, eine einzige. Die andern laufen, organisiert, wie wir uns haben, fort. Seid doch vernünftig: Ich habe früher in Pillkallen einen Sergeanten gekannt, der pflegte zu seinen Einjährigen, wenn seine Rechnungen bezahlt werden sollten, zu sagen: ›Einjähriger, teilen wir sich dem Raub!‹ Das können wir doch auch! Laßt uns in Ruhe, und drehen wir das Ding zusammen –!«

Jetzt sind die Ratten aus allen Löchern gekommen, die Katzen sehen mit glimmenden Augen ins Dunkel, sie sehen alles und alle. Es herrscht ein mächtiges Gequieke und Geraschel; es ist eine angeregte Unterhaltung, und es wird verhandelt wie bei einer Interessengemeinschaft eben verhandelt wird: wozu hat der Mensch (und das Tier) die Ohren, wenn man sie nicht über dieselben hauen kann? Es wird gehauen. Resultat:

Die Katzen erklären ihr Desinteressement an den Ratten; die Ratten zeigen den Katzen die Vorräte. Herr Potin wird aufgeteilt.

Mit Windeseile verbreitet sich die Nachricht durch alle Röhren, Keller, Lagerräume, Bodenkammern, Hütten und Kanäle von Paris. In einer Nacht ist die Sache perfekt. Die Organe, die zur Bewachung eingesetzt sind, machen mit den Feinden der Vorräte halbpart; der Dumme ist ...

 

Lisa, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass junge Damen nicht dazwischenreden sollen, wenn sie nicht gefragt sind! Dies ist eine Fabel aus dem Tierreich, Tiere können gar nicht sprechen, und bei den Menschen kommt dergleichen, abgesehen vom Handelsteil, überhaupt nicht vor.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 17.06.1928.





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