Hermann Kantorowicz,
›Der Geist der englischen Politik und das Gespenst der Einkreisung Deutschlands‹


Hermann Kantorowicz: ›Der Geist der englischen Politik und das Gespenst der Einkreisung Deutschlands‹ (erschienen bei Ernst Rowohlt in Berlin). Eine höchst verdienstvolle Arbeit. Mehr? Nein, mehr nicht.

Kantorowicz paukt England heraus. Soweit er das gegen die deutschen Nationalisten tut, ist er im Recht. Was die in ihren Flugblättern und in ihren Büchern über die ›falschen Briten‹, die ›Krämer jenseits des Kanals‹ zusammenschreiben, hat seinen Ursprung in den ersten Kriegstagen, wo die unorientierte Ahnungslosigkeit der Deutschen die Kriegserklärung Englands als einen Schlag in die unvorbereitete Magengrube empfand. Damals war es, als der unsägliche Sombart seinen Setzern und Lesern das Werklein ›Händler und Helden‹ zumutete – es hat reiche Früchte getragen. Kantorowicz erklärt den englischen Nationalcharakter: seine Ritterlichkeit, seine Sachlichkeit, seine Humanität und seine ... er nennts Irrationalität. Das Wort will mir nicht recht gefallen: es ist eher so etwas wie ein politischer Instinkt. Dann, sehr gut, das Kapitel über das Märchen von der Einkreisung Deutschlands, darin die gradezu erschütternden Beispiele von der fürchterlichen Verhetzung, der die deutsche Jugend noch heute und grade heute in Hunderten und aber Hunderten von Schulbüchern ausgesetzt ist. Das normale deutsche Geschichtsbuch, besonders das der höhern Schule, enthält durchweg faustdicke Lügen über den Krieg, mit der kaum noch verhüllten Tendenz: Auf zur Revanche! Kein Wort von der tiefen Kriegsschuld Deutschlands; kein Wort von den maßlosen Ungeschicklichkeiten der Vorkriegszeit; kein Wort von der geistigen Verfassung, in der sich der Herrscher dieses Landes befunden hat ... aber: das ›niederträchtige Albion‹, und immer wieder: der englische Neid, die englische Konkurrenzangst (vor dem großen Abnehmer englischer Waren nämlich!) – und all das Zeug, das der Verband für das Deutschtum im Auslande unter gefälliger Patronanz der Kultusministerien in die jungen Gehirne trommelt. Die Politik gehört nicht in die Schule ... sagte die herrschende Klasse; damit meinte sie die der andern.

Kantorowicz stellt bei dieser Gelegenheit auch die verderbliche Tätigkeit der finanziell und organisatorisch sehr mächtigen Verbände gegen die Kriegsschuldlüge fest, die Revanchepolitik dieser neuen Tirpitz-Küche, von der die Regierung abrückt, wenn man sie in London und Paris festnageln will ... zu Hause ist sie duldsam und mehr als das. Wer bereitet den nächsten Krieg vor –?

Mir scheint, als ginge Kantorowicz in der rosaroten bengalischen Beleuchtung der Aktschlüsse englischer Politik zu weit. So rosa ist es nun wieder nicht. Es gibt gewerbsmäßige Jesuitenriecher, die nun alles, was Böses auf der Welt geschieht, dem unterirdischen Wühlen der Jesuiten zuschreiben – und so gibt es denn auch kontinentale Englandriecher. Was jedoch der wackere Lord d'Abernoon in Berlin gewirkt hat, ist nicht von Pappe gewesen. Daß sich die deutschen Nationalisten auf die Krämer jenseits des Kanals allemal dann berufen, wenn die – scheinbar – ihr Toben gegen den innern Feind als Vorbereitung gegen die Bolschewisierung Deutschlands stillschweigend geduldet haben, ist eine andre Sache. Kantorowicz badet in Engländertum, er britelt, man soll das nicht. Ich halte die kleine Anekdote, die in Michels' ›Patriotismus‹ zu finden ist, für sehr schön und bezeichnend: wie da ein englisches Ehepaar auf einem Donaudampfer fährt, und, als eine Österreicherin ein Kompliment für die ›Fremden‹ hat, die Engländerin böse auffährt: »Fremde? Sie sind die Fremden. Wir sind Engländer.«

Ich denke, dass das Werk von Kantorowicz einen Grundfehler hat: es hält die bürgerliche Weltordnung für die einzig mögliche, und es sieht nicht, dass es den Arbeitern auf allen Seiten ziemlich gleichgültig sein kann, welche Fahnen die Verwaltungsgebäude ihrer Werke grade hissen – die Proleten sind allemal die Dummen. Der Kampf geht gar nicht für und gegen England – er geht um ganz etwas andres.



Quelle: www.textlog.de

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