John Heartfield, ›Volksbuch 1930‹


Wenn jemand in Deutschland Tendenz macht, dann werfen ihm die Kunstrichter zunächst vor, dass er es tut, und wenn sie der andern Richtung angehören, dann jammern sie: der Mann kann ja nichts. Ich bin für Tendenz – feste, gib ihm.

Das ›Volksbuch 1930‹ (erschienen im Neuen Deutschen Verlag) gibt ihm.

Es ist eine Anthologie aus Bild und Text – ich bin auch vertreten. Der Querschnitt durch das Jahr ist voll gelungen; das Bildmaterial ist gut. Es ist anständige Literatur, und so ausgewählt, dass sie jeder Proletarier, jeder Angestellte, der auch nur ein wenig geistige Interessen hat, ohne weiteres versteht. Tendenz, nicht die einer Partei, durchtränkt jede Zeile, so dass sie nicht noch nötig hat, zu kollern. Dichterisch am stärksten sind ein paar Zeilen aus einem Gedicht Emil Ginkels (›Wir haben die billigsten Hände, die billigsten Hände der Welt‹) und von der ersten bis zur letzten Zeile voll gelungen ein Gedicht Walter Mehrings aus dem ›Kaufmann von Berlin‹: ›Das Lied vom trocknen Brot‹. Man sollte übrigens dieses Drama nach dem Piscatorkrach nicht ad acta legen – es ist nicht nur sprachlich eines der besten Dokumente aus der Inflation.

›Montiert‹ hat das Buch John Heartfield, der ja bahnbrechend auf diesem Gebiet ist. Mir erscheint diese Technik ausbildungsfähig. Ich habe mit Heartfield zusammen in meinem ›Deutschland, Deutschland über alles‹ versucht, eine neue Technik der Bildunterschrift zu geben, eine Technik, der ich jetzt häufig, auch in illustrierten Blättern, begegne. Aber es sind Äußerlichkeiten, die man uns abgeguckt hat. Es kommt darauf an, die Fotografie – und nur diese – noch ganz anders zu verwenden: als Unterstreichung des Textes, als witzige Gegenüberstellung, als Ornament, als Bekräftigung – das Bild soll nicht mehr Selbstzweck sein. Man lehre den Leser, mit unsern Augen zu sehen, und das Foto wird nicht nur sprechen: es wird schreien.

Das ›Volksbuch‹ enthält auch ein Gedicht ›Ich geh mit meiner Kleinen stempeln‹. Viel stärker – wenn auch ohne Zusatz propagandistisch nicht brauchbar – ist ein kleines Gedicht mit demselben Thema ›Ick jeh stempeln‹, das Erich Carow aufsagt. Ich habe es leider niemals von ihm gehört. Die einfachen Verse stehen in dem Band ›Erich Carow, Karriere eines berliner Volkskomikers‹ (erschienen im Eden-Verlag zu Berlin). Es lohnt sich wohl, da einmal einen Blick hineinzutun. Nicht nur, weil dieser Carow ein großer Schauspieler ist – sondern auch, weil mancherlei Aufschlüsse über Berlinertum in diesem Buch zu finden sind. Wir, die Schriftsteller, sind im Buch in der Majorität – schade, ich hätte gern gelesen, was Carows Publikum vom Weinbergsweg über ihn sagt. Im übrigen:

Ick jeh stempeln, ick jeh stempeln,

denn ick habe nischt zu pempeln.

Ick bin klamm un ausjemist,

Ick wees nich mehr, wat Arbeet is.

Ick sehne mir ooch nich danach,

der Jeist is willich, det Fleesch is schwach,

Ick kann bloß nachn Nachweis tempeln –

Ick jeh stempeln, ick jeh stempeln, ick jeh

stempeln.

 

 





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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