Johanna vom Bogen


Sie hieß Jeanne, also Jeanne d'Arc, also Johanna vom Bogen. Sie war aus Toulouse und machte mir die Zimmer rein. Sie war eine zweite heilige Johanna: sie hörte Stimmen.

Morgens, wenn die ersten pariser Bankkrachs die Boulevards erschütterten und der zarte Morgenhimmel die zierlichen Kaminschornsteine ... na, lassen wir das – morgens hantierte das Kind mit Besen und Schaufel und Bürste, heizte die Ofen – und dabei hörte sie Stimmen. Das war erweislich wahr, denn ich hörte sie auch.

In den ersten Tagen, als Johanna vom Bogen mir noch neu war, dachte ich, es sei Besuch da, oder sie hätte sich eine Schwester mitgebracht, oder ein kleiner Hund hätte sich eingeschlichen ... irgend etwas war da los. Man konnte sie leise sprechen hören; halb unterdrückte Lacher und kleine Aufschreie ... für wen? mit wem? zu wem sprach sie?

Sie sprach mit sich selbst.

Johanna vom Bogen hörte Stimmen, die unsterblichen Stimmen Frankreichs, die in den Lüften kreisen und die Kinder des Landes aufmuntern, wenn Not am Mann und an der Frau ist – Stimmen waren in meiner Wohnung, und es galt dahinterzukommen, was die Stimmen sagten. Ich horchte an den Türen.

Es stellte sich heraus, dass Johanna vom Bogen mitnichten die Orléans wieder auf den Thron setzen wollte. Was da Morgen für Morgen durch die Gemächer tobte, war Schlacht, Aufstand und Guerillakrieg mit den aufsässigen Möbeln. Johanna betreute die ganze kleine Holz- und Teppichfamilie; sie sprach auf sie ein und tröstete sie; zankte und tadelte; lobte und begönnerte – und da war immer viel Geschrei und Schlachtgetöse. »Na–« und »Hop!–« und »Hé–« und »Là–« und was man so ruft. Es gab aber auch stürmische Morgen.

Es gab Morgen, an denen die gesamte Inneneinrichtung schlecht geschlafen hatte, der Ofen grunzte ärgerlich, wenn ihn einer weckte und schüttelte – und alle zusammen wollten einfach nicht, und dann war die heilige Johanna in ihrem Element! Sie schwang den Besen wie eine Fahne und die Müllschippe wie ein Schwert; sie durchraste zornig die Felder und wehklagte an der Badewanne, und, wenn sie merkte, dass sich alle gegen sie verschworen hatten, dann gab sie es allen, aber ordentlich; sie puffte und stieß und schlug und hieb und forchtete sich nit, und die abgeschlagenen Kanten liegen jetzt alle in einer kleinen Kiste und warten auf den Tischler, der, wie das Glück, nie kommt. Johanna hatte viele Feinde an solchen Tagen: der Lehnstuhl widersetzte sich und kam nicht, wenn man ihn rief; der Schreibtisch widersprach; die Sofakissen sagten nicht guten Morgen, das Grammophon lachte sie aus, und der Gasherd zischte vor Verachtung. Umgeben von so viel Widerstand und böser Tücke schalt die Heilige und grollte dumpf, bald brach das Feuer der Wut aus ihr, und ich hörte sie durch die Wohnung streichen, dass ich ängstlich, im Bademantel, scheußlich anzusehen, gelaufen kam und fragte, was es gäbe. Sie sah auf, wie jemand, der in einem wichtigen Telefongespräch gestört wird, und das war sie ja wohl auch. »Nichts –« sagte sie. Beschämt kroch ich ab. Und hinter mir erbrauste aufs neue die Schlacht mit den tückischen Objekten; wenn man genau hinhörte, konnte man die Pausen wahrnehmen, die sie einlegte – dann antwortete sie auf irgend etwas und protestierte spitz. Die heilige Johanna fragte, und die Schuhleisten antworteten, denn sie ließen sich nicht die Butter vom Brot nehmen; sie schimpfte, und die Bürsten hatten die Frechheit, eine Antwort zu finden und noch eine ...

Als aber eines Morgens das Bidet in der Badestube der heiligen Johanna eine professionell ungehörige Antwort gab, da packte dieselbe ihre Klamotten zusammen, kündigte und ward nie mehr gesehen. Seitdem sind die Gegenstände in der Wohnung mucksmäuschenstill, mir ist unheimlich zumute, weil ich weiß, dass sie nicht stumm sind, sondern nur schweigen, und ich warte ängstlich, wer sie beleben wird.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 03.03.1929, Nr. 106.





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