»Ja, früher ... !«


Das ist schon lange her – schon lange her!

Für 'n Taler Liebe gibts schon längst nicht mehr –!

Julius Freund


In den alten ›Fliegenden Blättern‹, – Gott hab sie selig! – prangte in jeder dritten Nummer ein Doppelbild: In einer braven beschaulichen Landschaft spazierten freundliche, langsame Menschen andante Hand in Hand – und staubumwirbelt, steinumspritzt bullerte ein neumodisches Automobil einher ...

›Einst und Jetzt‹ pflegte darunter zu stehen. Von diesem ›Einst und Jetzt‹ leben drei Viertel aller deutschen Gespräche.

Wir wollen einen Verein gründen, der sich zum Ziele setzt, sich nicht mehr über ›Einst und Jetzt‹ zu unterhalten und nicht mehr darüber, dass im Frieden vier Schrippen zehn Pfennige gekostet haben. Das wissen wir jetzt. Wir wissen jetzt, dass ein mittlerer Bankbeamter im Frieden jährlich viertausend Mark verdiente, dass ein Oberhemd acht Mark fünfzig und dass eine Flasche Sekt auch nicht viel mehr kostete. Von Kempinski zu schweigen.

Bei den alten Tanten fing es an. Das unerschöpfliche Gesprächsthema ›Essen‹ im Kriege wurde von dem unerschöpflichen Gesprächsthema: ›Ja – früher!‹ nach dem Kriege abgelöst. Es ist zum Platzen langweilig.

Es gibt ganze Stammtische, die davon leben, festzustellen, dass man heute nicht mehr leben kann.

»Fritz – nochn Halben!« – Aber sie leben alle weiter – anders als damals, teurer als damals, unfroher als damals – aber es geht doch weiter, denn die Welt bleibt nicht stille stehen, der Dollar auch nicht, die Notenpresse auch nicht. Ja, früher ...

Wenn wir so weiter machen, dann gleichen wir jenen Großmüttern, die hinter jedem radfahrenden Mädel her kopfnickten: »Zu meiner Zeit ... !« Ja, du lieber Gott – es war nicht mehr ›ihre Zeit‹ – das Mädel klingelte fröhlich mit der Radfahrklingel und hatte Hosen an, Großmama fiel in Ohnmacht, das Rad schwirrte schon in weiter Ferne, Großmama wachte wieder auf ... und alles ging weiter. Zu ihrer Zeit ...

Wissen Sie, es hilft ja keinem. Wir haben es nun also glücklich herausbekommen, dass früher alles ganz anders war. Daß der gekochte Schinken, die Krawatten, die Damenmäntel, die Philosophie – dass das alles mit den heutigen an Qualität gar nicht zu vergleichen war. Und langsam vergoldet sich die Zeit, die gute alte Zeit in der Erinnerung.

Wenn man den nicht abreißenden Klageliedern glauben wollte, so wären wir damals alle ganz zufrieden, ganz heiter, ganz und gar glücklich gewesen. Und was haben wir doch damals geflucht!

Wir haben geschimpft, wenn in Warnemünde die Pension im Haus ›Meergott Nepptun‹ statt 5,50 Mark 6 Mark kostete, wir haben gewettert, wenn die Butter um zehn Pfennig teurer wurde, und was sich abspielte, als die Zweipfennigpostkarte abgeschafft wurde, das läßt sich nur noch mit der Aufregung vergleichen, die heute die Börse packen würde, wenn der Dollar wieder das große Klettern bekäme. Es kommt nur auf die Nuancen an.

Ja, der Moselwein kostete mit Glas und Flasche achtzig Pfennig. Gewiß doch. Ja, Minna bekam vierzig Mark im Monat und warf auch nicht mehr Teller kaputt als heute. Na, allemal. Ja, wenn Charlottchen achtzigtausend Mark Mitgift bekam, dann sah der glückliche Bräutigam auch über den höchsten Buckel hinweg. Das sowieso. Aber das wissen wir nun.

Ist es nicht viel nutzbringender, sich nun endlich einmal zu sagen: »Das ist nun vorbei!« – Oder noch besser: »Das ist nun heute anders!« – Und da wir heute leben, da wir heute arbeiten, da wir von heute sind und, Gott sei Dank, nicht von gestern: Wollen wir uns mal nicht über etwas anderes unterhalten?

Hat es irgendeinen Zweck, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ich mir meine Wohnung eingerichtet hätte, wenn ich noch ... Was ich mit meinem gesparten Geld gemacht hätte, wenn wir ... Man wacht mit dickem Kopf aus schweren Träumen auf und hat gar nichts weiter als eine verpennte Viertelstunde zu verzeichnen. Was soll das?

Ist es nicht viel schlauer, die Welt so anzuschauen, wie sie ist, und sich nach ihr zu richten, weil sie so ist? Ich weiß, man trägt jetzt wieder allenthalben einen – falsch verstandenen – Idealismus; aber ich kann mir nicht denken, dass er zu irgend etwas gut ist. Ich habe einen Friseur – was, Anton? – der bekommt ganz annehmbare Trinkgelder von mir – aber er darf nie, niemals, beim Balbieren nicht und bei der Haarschur nicht, erzählen, was früher alles gekostet hat. Er darf es nicht. Und er tuts auch nicht. Den meisten Leuten kann man leider keine Trinkgelder anbieten.

Vielleicht stehe ich mutterseelenalleine da – aber ich finde es furchtbar langweilig, mir die alten Preislisten aus den Jahren 1901 bis 1913 anzuhören. Mögen Sie das gern –?

Weibliche eherne Säulen des berliner Vergnügungslebens sind geblieben – und haben ihre Zeit begriffen. Fürn Taler Liebe ... ach, du lieber Gott!

Lasset auch uns zeitgemäß sein. Wer uns noch einmal damit langweilt, dass er uns vorstöhnt, wie er damals ... und wie gut er seinerzeit ... der sei verflucht! Wir wollen es nicht mehr wissen.

 

P. S. Was meinen Sie, hat solch Aufsatz früher Honorar gebracht –?

 

 

Peter Panter

8-Uhr Abendblatt, 11.04.1923, Nr. 83.





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