In Uniform


Der alte Herr in der Wilhelmstraße, der die deutsche Republik nach außen au repräsentieren hat, zeichnet des öftern Veranstaltungen durch seine Anwesenheit aus, die sich durch seine Anwesenheit ausgezeichnet fühlen. Dafür sind Präsidenten da, in Frankreich ist das nicht anders. Butterweich glänzt das Gesicht Doumergues gleich freundlich über Automobil-Ausstellungen, Lyzeums-Eröffnungen, Kanal-Durchbrechungen, Krankenhaus-Grundsteinlegungen und was man so hat. Unsrer bevorzugt, das darf man wohl sagen, im allgemeinen Zusammenkünfte, die eines gewissen militärischen Charakters nicht entbehren. Max Reinhardt, ders aushalten kann, feiert das Jubiläum seiner fünfundzwanzigjährigen Arbeit: nichts rührt sich. Ein Schießplatz wird eingeschossen, ein Truppenübungsplatz wird zum ersten Mal ausprobiert, eine Anstalt zur Erlangung von Offiziersfertigkeiten wird eingeweiht –: in solchen Fällen hat der Präsident der Deutschen Republik Zeit, dabei zu sein. Wie macht er das –?

In den letzten Tagen hatten wir hier in Berlin ein Reitturnier, und neben den markanten Reiterfiguren guter Aristokratie ergoß sich ein merkwürdiges Gemisch von Provinz-Pferdehändlern, alten Offizieren, Jockeis und kleinem Gutsbesitzern über die Stadt. Nun hebt sich ja in Deutschland kein Pferdebein und kein Fußballstiefel, ohne dass dabei nicht brausend betont werde, solches Tun sei gut, um späterhin Menschen für Petroleum abzuschlachten; denn andres bedeutet die Phrase von der ›Ertüchtigung der Jugend‹ nicht. Wir sind wohl das einzige Volk, das es fertig bekommt, noch am Barren aggressiv zu sein. Gut.

Hindenburg erscheint auf diesem Turnier; das Publikum erhebt sich wie ein gedienter Mann, Kommentare und Zeitungsaufsätze lassen keinen Zweifel, wer hier begrüßt wird. Der Präsident der Deutschen Republik? Die nennt sich ja nicht einmal in ihrer Verfassung beim richtigen Namen. Also wer sonst –? Begrüßt wird der kaiserliche Generalfeldmarschall.

Als solcher ist der Präsident auch zu diesen Gelegenheiten gekleidet.

Ich weiß, dass Hindenburg formal völlig im Recht ist. Er hat das ›Recht zum Tragen der Uniform‹, und es ist ja dieser ›Revolution‹ genannten deutschen Volkssehnsucht, Weihnachten 1918 wieder bei Muttern zu feiern, vorbehalten gewesen, einen staatsrechtlichen Umschwung mit ›wohlerworbenen Rechten‹ einzuleiten. Dazu gehört auch die Duldung jener Provokation, Uniformen eines Regimes zu tragen, das in Wahrheit niemals gestürzt wurde. Soweit wäre alles in Ordnung.

Über Takt läßt sich allerdings nicht streiten. Haben die alten Kriegskameraden, die beim alten Herrn unangemeldet vorgelassen werden, hat der Major v. Hindenburg noch keine Gelegenheit gehabt, seinem Papa mitzuteilen, wie es im deutschen Volk wirklich aussieht –? Daß hinter den verhältnismäßig kleinen Zeitungen der KPD eine riesige graue Millionenmasse steht? Daß die Größe der demokratischen Blätter die Machtlosigkeit der Demokratie nur notdürftig verhüllt? Daß es Millionen von Deutschen gibt, die die Uniform der alten kaiserlichen Armee verabscheuen, was ihr ebenso gutes Recht ist wie das der alten Offiziere, mit dieser Uniform zu paradieren, wenn es ungefährlich ist? Weiß der alte Herr in der Wilhelmstraße das nicht? Dann muß es ihm gesagt werden.

Am Abend des Tages, als Herr Wels die Mitglieder des Reichsbanners mit viel Männerbrust und wenig Courage an den zweiten Todestag Fritz Eberts erinnerte, an diesem Tage, an dem eine ehrlich gemeinte Gedenkfeier für den ersten Präsidenten stattfand, ließ sich Herr Hindenburg von einem ehrfürchtig grüßenden Spalier im abgesperrten Rheingold begrüßen. Da tagten die geschlagnen Generalstabsoffiziere einer rechtens besiegten Armee, jener Armee, die in verbrecherischem Leichtsinn Fehler auf Fehler gehäuft und, zu feige, sie einzugestehn, andern die Verantwortung an ihrer Niederlage aufgebürdet hatte. Es war der Direktion des Rheingold gelungen, Herrn Mackensen (geschlagen in Rumänien), Wilhelm III. (geschlagen in Frankreich) und viele andre bekannte Militärstars für die Mitwirkung an diesem ›Schlieffen-Tag‹ zu gewinnen. Daß der General Heye von der Reichswehr bei einem Essen nicht fehlte, wo des Obersten Kriegsherrn gedacht wurde, braucht nicht betont zu werden.

Hier also nahm der Präsident der Deutschen Republik teil – natürlich nicht in seiner Eigenschaft als ... , sondern in seiner Eigenschaft als ... , ich kann das nicht so genau unterscheiden.

Überlegen lächelnd sehens die parlamentarischen Republikaner. Laßt doch dem alten Herrn seine Freude! sagen sie. Und: eine Uniform ist ja nur ein Symbol. Und: wir haben größre Sorgen. Doch, die haben sie.

Wenn man das Niveau der Reichstagsberatungen eines Parlaments betrachtet, das sich in braver Selbsterkenntnis weigert, auch nur das Plenum dem Rundfunk anzuschließen, so überkommt einen der Menschheit ganzer Jammer. Das Listenwahlsystem hat uns grade noch gefehlt: nun sind auch diese Volksboten Beamte geworden, die es bleiben, weil sies einmal waren, und wenn nicht ihre aufopfernde Arbeit im Dienst einer Geselligkeit wäre, die sich mit einem Reichstagsabgeordneten schmückt wie mit einem Tafelaufsatz: wozu wären sie wohl da? Früher stellte man etwa die silberne Nachbildung der Büste Marie Antoinettens auf die Tafel, und ich muß ja sagen, dass ich dergleichen als Tafelaufsatz dem Kopf Rudolf Hilferdings bei weitem vorziehe ... Aber irgend eine sittliche Sendung muß der Mensch haben.

Hätten die Parlamentarier wirklich eine und verkehrten sie nicht unter mißbräuchlicher Benutzung des Satzes, dass der Abgeordnete keine gebundnen Aufträge annehmen dürfe, ihre Aufgabe in das Gegenteil, sodass also jede Beeinflussung der Abgeordneten durch ihre Wähler wie die Störung eines Berufes erschiene, der ja grade auf dieser ständigen Beeinflussung basiert, wäre das alles wahrhaft demokratisch –: sie griffen ein. Sie bleiben sitzen.

Wer schützt uns –? Welche Wirkung hat diese Zurechtweisung einer falsch verstandenen Ehre, die sich mit der Gesinnung von Millionen Deutscher nicht verträgt?

Über dem roten Heft der ›Weltbühne‹ sitzen, aufmerksam lesend, zwei Staatsanwälte und vier Oberregierungsräte, Angehörige eines Clans, der faucht, wenn man an seine Symbole auch nur tastet, und der die unsern zerstampft, in den Dreck tritt, wo er nur kann, verbietet, konfisziert, die Träger einsperrt ... Eins meiner Exemplare wird mit Buntstiften zerarbeitet und durchpflügt, mit Randbemerkungen versehn; ich weiß, wofür wir unsre Steuern zahlen. Das abstellen, was wir rügen? Auf den Präsidenten in taktvoller Form, wie sich das dem Alter gegenüber gehört, einwirken? Ihm leise beibringen, dass er durch sein Auftreten das Empfinden von Millionen deutscher Volksgenossen verletzt, von Männern, die genau so gut wie er das Recht haben, als gute Deutsche angesprochen zu werden? Das sinnt auf nichts als darauf, wie ›man dem Wrobel da irgendwie beikommen kann‹, ich höre ordentlich die juristischen Konstruktionen, und wofür gäbe es keine!

Wer schützt uns –?

Wir sind zur Zeit fast wehrlos einem Beamtentum ausgeliefert, das, unter der Maske der Justiz, seine Verwaltungsmaßnahmen durchführt, und was für welche! Da haben sie damals, als ihnen wieder einmal ein Minister von ihren stets geschonten Todfeinden niedergeknallt wurde, ein Republikschutzgesetz erlassen, das das Äußerste darstellte und das dem Satz ins Gesicht schlug, dass keiner seinem ordentlichen Richter entzogen werden dürfe, Ausnahmegericht? Meinethalben. Aber sich das Ausnahmegericht nun auch noch aus der Hand winden lassen, seine alten Feinde da hineinzusetzen und sich plötzlich auf der andern Seite der Schranke wiederzufinden: nämlich als Angeklagter –: man muß deutscher Republikaner sein, um dann noch den Mut zu haben, den Leuten Gedenkreden ins Gesicht zu schmettern, bei denen grade noch das polizeiliche Strafmandat wegen öffentlicher Ruhestörung wegbleibt. Ein Opernchor mit Holzschwertern.

Wer schützt uns –? Schützen wir uns selber –? Die Besten der Kommunisten im Zuchthaus oder erschlagen, die Masse fast führerlos; die Führer der gemäßigten Linksparteien ohne Initiative, ohne Murr in den Knochen, ohne das leiseste Gefühl für Schwung, mit Bier in den Adern – so dösen sie dahin und erben sich, wie ihre Gesetze und ihre Unrechte, als eine ewige Krankheit fort.

Über Arbeitslosen aber, die nichts zu fressen haben und unschlüssig auf den großen Kladderadatsch und die kleine Unterstützung warten, über sozialistischen Hornbrillen und Privatdozenten der Politik, die nicht verfehlen, in den ärgsten Stürmen des Klassenkampfes noch den Titel ›württembergischer Gesandter a. D.‹ hinter ihren Namen zu setzen; über Parteisekretären und Fachbonzen, die nur deshalb nicht mit dem Kopf durch die Wand laufen, weil sie keinen haben: über denen thront markig, wie sein eignes Denkmal anzuschaun, der Königlich Preußische Generalfeldmarschall dieser Republik. In Uniform.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 08.03.1927, Nr. 10, S. 371.





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