In der Zelle


Der eine Gefangene: Wie die Lampen blitzen! Wie die Uhr schlägt!

Der andre Gefangene: Das sagst du jeden Abend. Jeden Abend um acht Uhr!

Der Eine: Dann ist der Tag so gut wie herum – der verfluchte Tag.

Der Andre: Wie lange noch?

Der Eine: Noch sieben Jahre.

Der Andre: Ich komme drei Tage früher heraus als du.

Der Eine: Ich habe dir schon einmal für diesen dämlichen Witz mit dem Wasserkrug den Schädel halb eingeschlagen – soll ichs noch einmal tun?

Der Andre: Willst du noch einmal vier Wochen Dunkelarrest dafür haben?

Der Eine: Hund.

(Pause.)

Der Eine: Was gibts Neues?

Der Andre: Die Brüder von Nummro acht sind wieder raus. Heute morgen.

Der Eine: Was? Wie sies bloß anstellen? Es ist jetzt das vierte Mal.

Der Andre: Wieso das vierte? Das dritte!

Der Eine: Das vierte. Das erste Mal – das waren die Liebknecht-Leute. Wie lange waren die drin? Warte mal – eigentlich gar nicht. Sie kamen gleich frei, nein, sie kamen in eine andre Anstalt. Man kennt das. Bloß das arme Luder von Soldat, den die Offiziere in der Patsche sitzen ließen – der sitzt ja wohl heute noch.

Der Andre: Und das zweite –?

Der Eine: Das zweite Mal –: da waren hier die Stuben voll. Da haben die Soldaten in der Stadt die Offiziere eingesperrt, die aus dem Putsch. Wir haben nicht viel davon erfahren – die Aufseher lügen. Ich hatte mir ein Endchen Zeitung geklaut. Da stand alles drin. Die Jungens hatten aufs falsche Pferd gesetzt, und da kamen sie, anstatt zu Ämtern und Pöstchen, hierher. Wie lange saßen die?

Der Andre: Vier Tage.

Der Eine: Dann kam eine Order – von oben, sagte der Kalfaktor, da waren sie frei.

Der Andre: Und das dritte Mal –?

Der Eine: Das dritte Mal warens Baltikumer. Die gingen gleich wieder – einer hatte achtunddreißig Stunden gesessen. Er drohte dem Reichswehrminister mit Absetzung.

Der Andre: Und dieses vierte Mal –?

Der Eine: Was die ausgefressen haben, weiß ich nicht. Aber es muß eine dolle Sache gewesen sein – denn sie waren in zwölf Stunden frei.

Der Andre: Wie sies nur anfangen –!

Der Eine: Sie haben Protektion. Die hast du eben nicht.

Der Andre: Aber es sind doch schwere Jungens wie wir – sie haben gemordet, sie haben doch Hochverrat machen wollen, sie haben den Eid gebrochen, sie haben ...

Der Eine: Du vergleichst uns mit diesen Kerlen –! Du hast so wenig Ehrgefühl im Leibe, dass du uns mit diesen Brüdern vergleichst –! Mit denen da –! Du –!

Der Andre: Ich meinte nur ... Hilfe –! Hilfe –! Laß den Wasserkrug weg –!

Der Eine: Man hat doch seinen Stolz, verdammt nicht noch mal –! Du Hund –!

Der Aufseher (von draußen): Wird da Ruhe da drin! Oder soll ich dazwischen fahren –!

(Es wird still.)

Der Eine (flüsternd): Nimmste das zurück?

Der Andre: Ja doch.

Der Eine: Merk dir das: Und wenn die ganze Republik die ansiedelt und versorgt – bei uns nicht! Wir wollen anständig bleiben! Gute Nacht –!

(Sie legen sich auf die Pritschen.)

 

 

Kaspar Hauser

Die Weltbühne, 01.09.1921, Nr. 35, S. 224.





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