A. W. Just,
›Mit Ilsebill freiwillig nach Sibirien‹


A. W. Just ›Mit Ilsebill freiwillig nach Sibirien‹ (erschienen bei Ernst Pollak in Berlin). Russisches Reisebuch mit Bildern. Der Verfasser ist Berichterstatter der ›Kölnischen Zeitung‹. Der Aufdruck besagt, das Buch sei aus der russischen Psyche geschrieben. Das ist nicht ganz richtig: das Buch ist aus der kölnischen Psyche heraus geschrieben.

Nach einem außerordentlich großmäuligen Vorwort gehts los. Der Mann kann russisch, kennt Rußland seit langer Zeit und kritisiert gar nicht einmal dumm. Man hat aber den Eindruck: er versteht nicht, was da vor sich geht. Dies ist nicht etwa gesagt, weil er vor Rußland nicht auf dem Bauch liegt und »O Fünfjahresplan!« lallt. Aber es ist nichts, was er da treibt. Es ist der mitteleuropäische Herr, der alles auf der Welt diskutierbar findet, nur nicht seinen eignen Standpunkt. Der ist ihm so selbstverständlich; er kommt keinen Augenblick darauf, dass grade der zur Debatte steht. Von dem vergilbten Groschenhumor schon gar nicht zu reden, der sich in diesen Reisebeschreibungen entfaltet. Der Mann muß bei seinem Verlag sehr beliebt sein. Aber was geht uns das an –?

Es sind auch ein paar Fotos in dem Buch. Mögen Sie noch gern russische Fotografien sehen? Sie haben alle zusammen so wenig Überzeugungskraft. Die Russen fotografieren uns bei Kiepenheuer ihre gefüllten Lebensmittel-Läden vor, und drei Meter links und drei Meter rechts davon sieht es vielleicht ganz anders aus. Aber dieser hier treibt es gar sinnig: »Oben: Behördenwohnungen am Boulevard in Nowosibirsk. (Mächtiger Palast.) Unten: Menschenwohnungen im Tal der Jelzowka (armselige Hütten).« Das stammt aus Rußland, nicht etwa aus Deutschland, wo es so etwas gar nicht gibt. Ich bekomme immerzu Bücher für Rußland oder gegen Rußland zu lesen – jetzt möchte ich bald einmal ein Buch über Rußland zu lesen bekommen.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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