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Haben Sie einmal einen alten deutschen Almanach gelesen –? Sie sollten das nicht versäumen. Es ist sehr lehrreich.

Nach bereits vier Seiten werden Sie merken ... ja: deutsch ist es. Aber ... es ist ein andres Deutsch, ein uns fremdes Deutsch, und woran liegt das?

Das liegt nicht nur am Satzbau und an den Modewörtern, es liegt vor allem an den Bildern, die die Sprache gebraucht. Denken Sie nur an die Bilder der Romantik, wo es eine Zeitlang Mode war, Eigenschaften des Ganzen auf einen Teil zu übertragen: »er hatte gutmütige Schultern und einen witzigen Hut« ... So hat jede Zeit ihre Moden gehabt. Gute Schriftsteller vermeiden Modewörter, wo sie nur können. Woran man Modewörter erkennt? Man erkennt sie nicht; man muß das fühlen. Ich will Ihnen ein besonders dümmliches vorstellen – da oben steht es und heißt

Es muß eine Schicht der schlimmsten Halbbildung gewesen sein, die das aufgebracht haben, ganz recht: Amerika. Denn das kaufmännische Bilder in die Sprache dringen, ist etwas Verständliches – früher war es die Bibel und der Handwerker, die der Sprache Farbe

 

hundertprozentig.

gegeben haben, heute ist es der Kaufmann. Soweit gut. Aber es wird ein bißchen viel mit Prozenten nachgerechnet, auch in Sparten, wo dergleichen gar nichts besagt. Die Sprache ist nach folgenden Regeln verdorben worden:

Wenn einer sagen will, die Hälfte, dann sagt er: »Fünfzig Prozent«. Er meint, das sei gebildeter. Wegen des Fremdworts und überhaupt ... Wenn er aber sagen will, die Mehrzahl, dann sagt er: »Achtzig Prozent« oder »Fünfundsiebzig Prozent«, je nach dem Wetter und je nach dem Gefühl. Es hört sich mächtig exakt und sehr genau an, ist es aber gar nicht; denn eine Statistik liegt dieser Angabe nicht zu Grunde, der Sprecher hat sich auch weiter nichts dabei gedacht ... er hat das so hingesagt. Es ist, wie wenn einer von der Küchenwaage Milligramm abliest.

Wenn aber einer sagen will: ›alle‹, ›ganz und gar‹, ›vollständig‹, dann sagt er das nicht. Wie man ja überhaupt einen schlechten Stilisten immer daran erkennt, dass er nicht einfach das sagt, was er meint, sondern, dass er es auf albernen Umwegen sagt. Wenn einer sagen will: ›Alle‹ – dann sagt er: ›Hundertprozentig‹, und dann hat er aber was gesagt! Da zittert ja die Watte in den Schultern!

Wenn ich nicht irre, sind es die Filmleute gewesen, die mit dem schrecklichen Untertitel:

 

Ein hundertprozentiger Tonfilm

die Ausbreitung dieser Stilkrankheit wesentlich gefördert haben. Diese Einbeziehung des Handels in die Kunst ist ja manchmal nicht ganz. unangebracht, aber dass nun alles, aber auch alles ›hundertprozentig‹ sein soll, das ist bitter. Man soll gewiß eine lebende Sprache nicht mit dem Metermaß schulmeistern wollen, das ist schon richtig – aber dieses törichte und häßliche Wort wird stumpfsinnig und gedankenlos nachgeplappert. Trägt Liebe Zinsen? Sie muß doch wohl – denn es gibt da hundertprozentige Liebesheiraten. Und einer ist ein ›hundertprozentiger Mann‹, wobei noch nicht einmal an die Rücklagen gedacht ist und nicht an die Inneneinrichtung, die mit einer Mark abgeschrieben zu Buch steht, und wenn Herr Klarierer von der Sofa-Film, ein hundertprozentiger Fachmann, sein hundertprozentiges Ehrenwort gibt, dass achtzig Prozent aller Filme, die er herstellt, hundertprozentig volle Häuser machen, weil sich das Publikum zu sechzig Prozent aus Rheinweintrinkern zusammensetzt und hundertprozentig begeistert ist, so kann man diesem Ehrenwort etwa zu 0,4 Prozent Glauben schenken.

Bei einer Ehe zwischen einem Weißen und einer Schwarzen schlägt das schwarze Blut immer durch.

Bei dem Kampf um die Sprachreinheit unterliegt fast immer der, der die Sprache sauber halten will, und das Verschmierte, das Laute, das Halb- und Falsch-Gebildete setzt sich durch. Und es setzt sich nur durch, weil sich die meisten Leute nicht klar sind über das, was sie schreiben, und nur sehr wenige über das, was sie sprechen. Körperliche Reinlichkeit ist zu allen Zeiten dieselbe gewesen – nur die Formen, unter denen sie erreicht wird, wechseln. Man braucht gewiß nicht zu altertümeln – aber man spreche reinlich und schreibe reinlich.

Modewörter ... ? Meine Einstellung ist rein menschlich irgendwie die, dass das Wort ›hundertprozentig‹ eine hundertundeinprozentige Sprachdummheit ist.

 

 

Peter Panter

Die losen Blätter der »Dame«, 1930, Nr. 8, S. 122.





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