Hjalmar Kutzleb,
›Mord an der Zukunft‹


Jetzt ärgert es sich schon in einem hin ... Nein, Ärger ist nicht das richtige. Hier dieses Büchlein soll uns nicht die Ruhe stören – wir wollen es nur noch einmal durchsehen. Man reiche uns eine Feuerzange. Sowie zwei kräftige Lederhandschuhe. ›Mord an der Zukunft‹ von Hjalmar Kutzleb (erschienen im Widerstands-Verlag in Berlin), Saubere Ausstattung, schöner Druck; bebildert hat das Buch A. Paul Weber, ein Kind von Doré und Kubin, ein begabter Mann. Mord an der Zukunft?

Kutzleb (u wie Otto) meint, Deutschland morde seine noch ungeborenen Generationen. Und das tut er nun dar.

Dieser Deutsche schreibt kein gutes Deutsch. Für gut hält er alte deutsche Wörter, die er deshalb nicht zum Leben erwecken kann, weil er selber ein Toter ist. »Der Intellektuelle ist der geile Verstand und die gelte Lende, der güste Schoß.« Das ist deutsch.

»Nicht jeder Denkende ist ein Intellektueller, das ist erst der Mensch des souveränen und schlechthinnigen Verstandes, der des Glaubens Unfähige, der dem organischen Sein Entfremdete.« Das ist auch deutsch. Es läßt sich hier einmal an einem schönen Beispiel dartun, wie unsinnig diese törichten Puristen Fremdwörter übersetzen. Man sagt zum Bespiel: »Konkurs der SPD«. Sehr schön ist der Ausdruck nicht – doch haben sich militärische und kaufmännische Vergleiche aus begreiflichen Gründen in die deutsche Sprache eingenistet. Gut. Jetzt Kutzleben: »Wir besitzen ein klassisches Zeugnis für den Bankbruch der geschlechtlichen Erziehung der Jugend ... « Bankbruch? Wessen Bank ist denn da gebrochen? Ah – er meint: Konkurs. Und sieht nicht, dass er, anstatt Fremdwörter zu verteutschen, lieber Begriffe verbessern sollte, denn die geschlechtliche Erziehung der Jugend ist kein Bankunternehmen, und der Ausdruck ›Konkurs‹ ist hier genau so schlecht wie ›Bankbruch‹. Und dass da zwei abhängige Genetive nacheinander stehen, hört der Teutsche auch nicht. Welch ein Tintengermane!

Mit der Bildung geht es ihm so, dass er das kleine Büchlein ›Nixchen‹ dem verstorbenen Hans von Gumppenberg zuschreibt; er ist zu faul, nachzusehen, dass es von Hans von Kahlenberg stammt, und das ist eine Frau. Über Berlin hat er Ansichten wie ein kleiner zorniger Schultyrann aus Probstheida; von Mussolini, dem wohl nichts so vorzuwerfen wäre als die gradezu infame Art, wie er die Auslandsitaliener behandelt: »Man mag über Mussolini denken, wie man will, die Art, wie er die italienischen Auswanderer mit feinen, aber festen Fäden an die Heimat bindet ... « Man sollte Herrn Kotzleben mit feinen, aber festen Fäden an einen Baum binden und ihm fünfundzwanzig hinten drauf zählen, und zwar, weil er dieses hier geschrieben hat: »Der Intellektuelle quietscht wie ein gestochnes Schwein, wenn einer seines Gelichters, er mag Maximilian Harden alias Witkowski heißen und mit literarischer Giftmischerei, mit verlarvtem Landesverrat, mit Erpressergeschäften ein Vermögen und einen sogenannten Namen erschoben haben, endlich einmal, leider ohne vollen Erfolg, der Rächerfaust zum Opfer fällt ... « Gewalttätigkeiten sind niemals ein Argument – der Herr macht es einem ein bißchen schwer, an diesem Satz festzuhalten. Einen Toten zu beschimpfen, ihn mit den dreckigsten Verleumdungen zu schmähen, mit Behauptungen, von denen jede einzelne eine Lüge ist – das ist wohl sehr germanisch. Der Rächerfaust zum Opfer ... ? Ich habe die Rächerfäuste damals im Gerichtssaal gesehen; es war das jämmerlichste Gesindel, das man sich denken konnte: herumsaufende Luden, feige bis dorthinaus, armselige und schmierige Analphabeten. So sehen die Helden des Deutschen Hjalmar Kutzleb aus. Man muß sich seine Ideale aussuchen. Der Mann ist übrigens alte Schule – mit den Bestrebungen der nationalen deutschen Jugend hat diese Schweißsocke nichts zu tun. (Auch, wenn er der Autor eines von ihr vielgesungenen Liedes ist.) Aber das sind die Mitläufer des Herrn Hitler. Deutschland, wo bist du –?

Da sieht der französische Nationalismus denn doch anders aus. Sicherlich mühen sich die deutschen jungen Nationalisten, ihre vorläufig noch schwammige und neblige Gefühlswelt so rational zu untermauern, wie das die ›Action Française‹ längst getan hat. Zwei Bände Léon Daudets zum Beispiel ›Paris Vécu‹ (Èditions de la NRF Paris) – Rive Gauche und Rive Droite – sind höchst amüsant zu durchblättern. Dieser Daudet ist ein Ekel, ein dicker Kapaun, der furchtbar kreischt, wenn man ihm sein Fressen wegnimmt, und der kreischt, wenn er es gefressen hat, und der nur dann still ist, wenn er grade ißt. Denn vom Essen versteht er wirklich etwas. Was eigentlich für den Mann spricht – aber er ist ein solcher Schmierfink ... Doch wie hoch steht das noch über solchen Helden wie dem da eben! Da spaziert Daudet also durch zwei Bücher und durch Paris, und an jeder Ecke fällt ihm etwas ein: eine Bosheit, eine Erinnerung, ein persönliches Erlebnis, eine geschichtliche Tatsache, die sich in diesem oder jenem Viertel abgespielt hat ... es ist ein weiter Weg von diesem Daudet zu jenem Kutzleb. Es ist gar kein Weg. Daudet ist ein schlechter Mensch – Herr Kutzleb ist ein Kaschube.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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