Hermann Hesse,
›Eine Bibliothek der Weltliteratur‹


Obenauf ein schmales Bändchen: Das Reclambändchen Nr. 7003 – ›Eine Bibliothek der Weltliteratur‹ von Hermann Hesse. Das ist eine vorbildliche kleine Literaturgeschichte.

Ich halte Hesse für einen Schriftsteller, dessen Qualitäten als Essayist weitaus größer sind als seine dichterischen Eigenschaften. In seinen Dichtungen ist er entweder weitschweifig, zokkersüß, wenn es auch wirklicher, guter Kristallzucker ist und keine Melasse, manchmal wäich und dann wieder säuerlich. Seine Buchkritiken dagegen haben zur Zeit in Deutschland kein Gegenstück; seit Josef Hofmiller unter die Nationalisten gefallen ist, erst recht nicht. Aus jeder Buchkritik Hesses kann man etwas lernen, sehr viel sogar. Und wie diese kleine Anweisung, sich eine Bibliothek zusammenzustellen, gemacht ist, das ist nun zum Entzücken gar. Sie ist ganz subjektiv, und nur so ist auf diesem Ungeheuern Gebiet so etwas wie Sachlichkeit zu erzielen. Wer sich nach diesem Bändchen richtet –: der tut wohl daran. Es steht wolkenkratzerhoch über den gangbaren Literaturgeschichten.

Was die Leute nur mit diesen dicken Wälzern haben ... ! Es gibt doch keinen Menschen, der über alles gleichmäßig Bescheid weiß; es kann also, wer eine Literaturgeschichte verfaßt, bestenfalls eine saubere Bibliographie geben, um grade solch eine Literaturgeschichte, die mich vor allem einmal klar und sorgfältig und ohne Schmus über Tatsachen unterrichtet, von denen ich etwas wissen möchte –: die kenne ich nicht. Ich kenne anständige, wie die von Wiegler, ich kenne Scheul und Greul wie die von Bartels, der außerdem noch ein Schludrian ist; den hausbacknen und dumm-dreisten Eduard Engel, den lächerlichen Soergel ... Es gibt da eine sehr einfache Art, Stichproben zu machen.

Man suche sich in solchen Literaturgeschichten jene Dichter, die man liebt und wirklich kennt. Da wird man sein hellblaues Wunder erleben. Meist auch nicht der Schimmer einer Idee – sie lieben sie nicht, sie hassen sie nicht, und sie geben nicht einmal eine ganz und gar vollständige Bibliographie. Was soll das also alles –?

Das soll den Bildungsfimmel des deutschen Durchschnitts-Lesers befriedigen. Diese Brillenkerle lesen viel lieber etwas über einen Dichter, als etwas von einem Dichter; der Konsum in Literaturgeschichten ist ungeheuer. Es muß wohl so sein, dass sogar den Lebenden dieser Ausblick auf eine imaginäre Unsterblichkeit imponiert; wie wäre es sonst zu erklären, dass eine Reihe Schriftsteller, darunter achtbare Männer, diesem leeren und kindischen Albert Soergel, der nie gewußt hat, wo der Gott der Dichtung wohnt, eine Festschrift zum Geburtstag überreicht haben? Wahrscheinlich zu seinem 150. Geburtstag, nach seiner Literaturgeschichte zu schließen, in der die Dichter nach völlig wahnwitzigen Kategorien antreten müssen: »Seele als Ausdruck – Wiener Halbexpressionismus – Angstträumer und Gottsucher – Einzelgänger ... « Kurz und gut: Kauft euch für die paar Pfennig das Bändchen Hesses, und ihr werdet gut bedient sein. Wer das wirklich gelesen hat, was er dort fordert –: der hat etwas hinter sich gebracht.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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