Henny Noske


Der Reichswehrminister Noske und die Filmkünstlerin Porten, haben je ein Buch in die Welt gehen lassen, beide unter dem Titel: ›Wie ich wurde‹. Damit uns das nicht durcheinander kommt – Gustav Porten und Henny Noske –, laßt uns nach der Chrie einen Vergleich ziehen: Henny Porten – Gustav Noske, Zwei Deutsche. a) Ähnlichkeiten. b) Die kleinen Verschiedenheiten. Schluß: Freuen wir uns, dass wir zwei solche Kerle ...

Noskes Büchlein zieren zwei Bilder. Einmal: der Noske von heute. Er sieht ungefähr aus wie ein trauriger Schokoladenfabrikant, dem eine kleine Spekulation schief gegangen ist. Dann: der junge Noske. Es ist nach diesem Bild nicht anzunehmen, dass die hohen Herren, die ihn heute in der Hand halten, sorglich in der Hand halten, auch den Jungen von damals umschmeichelt hätten. Sie hätten ihn – wären sie mit ihm in Berührung gekommen – stramm stehen lassen.

Das Büchelchen des Reichswehrministers ist, wie das Vorwort sagt, von bleibendem pädagogischen und volkserzieherischen Wert. Das hat uns noch gefehlt. »Werde einmal ein Noske!« spricht der Pastor zu dem Täufling in der Kirche, während sich die Paten ergriffen schneuzen.

Was unterscheidet nun die bedeutende Filmschauspielerin und den unbedeutenden Reichswehrminister als Autobiographen?

Henny erzählt ihre kleinen Erlebnisse so hübsch dumm, wie es sich für ihr Publikum geziemt, und man kann ihr nicht böse sein.

Gustav dreht auf, läßt in schlechtem Kolportagestil die Szenen seines Lebens an uns vorüber rollen, hier und da rutschen einige Verstöße gegen die Grammatik und die anständige Gesinnung durch, und wenns fertig ist, hat man ein rundes und klares Bild von dem vielmißbrauchten Mann.

Sie waren beide etwas, sie sind beide etwas geworden, und werden – wenn Gott will – auch etwas bleiben. Lasset uns beten.

 

Kaum war dies geschrieben, als beide dementierten. Sie hätten von dieser Publikation in dieser Form nichts gewußt, sie hätten niemand ausdrücklich dazu autorisiert, sie lehnten alles ab, sie seien unbeteiligt und unschuldig. So Henny und Gustav.

Es hat sich aber der eigentümliche Fall ereignet, dass beide Male beide Biographen die Leben der beiden besser enthüllt haben, als die es selbst zu tun vermocht hätten, und es haben sich uns gezeigt:

Eine Filmkünstlerin mit der Seele eines Seifenplakats. Gott hab sie selig.

Und ein Reichswehrminister, der in dem verdächtigen Eifer der hohen Offiziere, mit denen er umgehen darf, und die ihm ungeheuer imponieren, nicht merkt, wie da Stellen um der Stellungsuchenden willen geschaffen werden, wie der alte Unfug genau so auflebt, wie er damals hoch zum Himmel blühte: mit Ämtern und Posten und Pöstchen und Dienststellen und Bürostuben und Beförderungen um der Gehälter willen ... und wie der ganze Apparat eine unangenehme Ähnlichkeit mit einer Hundehütte hat, darinnen ein Kettenhund sitzt, der die zerlumpten Bettler zähnefletschend ankläfft und dafür eine Wurst hingeworfen bekommt.

Ich mag keine Kettenhunde. Sie sind bösartig, wedeln mit dem Schweif und haben einen schlimmen Charakter.

Ach, entschuldigen Sie, haben Sie nicht einen andern Reichswehrminister? Dieser ist uns drei Nummern zu groß.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 04.09.1919, Nr. 37, S. 303.





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