Harold Nicolson, ›Miss Plimsoll und andere Leute‹


Liest man im Anschluß daran zum Beispiel Harold Nicolsons ›Miss Plimsoll und andere Leute.‹ (erschienen bei der Frankfurter Societätsdruckerei zu Frankfurt am Main), dann kommt man allerdings an die liebenswertesten Seiten des englischen Charakters. Der Verfasser ist ein ehemaliger Diplomat, der viel gesehen und noch mehr verschwiegen hat; manches erzählt er. Mitunter ist die Geschichte etwas dünn; vielleicht sind diese Berichte höchst charmant, wenn der Mann sie am Kaminfeuer erzählt – vorn wird man gebraten, hinten friert man, und in der Mitte muß man lachen. Wenn man dann aufsteht, ist alles fort. Wirklich ein Buntdruck erster Ordnung aber ist ›Arketall‹, ein lebendiger oder erfundener Kammerdiener Lord Curzons. Das ist bester englischer Humor, vor allem in der Diktion; das Ganze erinnert an die schönsten alten Whisky-Plakate oder an die von Pear's Soap. Diese leichte, chronische Besoffenheit des Dieners; die ironische und echte Überlegenheit Curzons; die Komik der eifrig die Hotelzimmer vorbereitenden Sekretäre ... Und dann, eine Perle, der Schlußabsatz des Kapitels. Der Diener hat sich nun doch so unter Spiritus gesetzt, dass er »den Morgenzug benutzen« muß. Curzon ist vergnügt und ladet den jungen Nicolson zum Abendessen. »Zur Belohnung werde ich Ihnen meine berühmte Imitation Tennysons, wie er ›Tears, idle tears‹ rezitiert, vormachen.« Das tut er auch. Und wird plötzlich sehr nachdenklich. »Ach ja«, seufzte er, »ach ja. Ich weiß. All das war vor vielen Jahren, als ich jung war und noch über die Alten lachen konnte. Aber alle jungen Leute sind ohne Erbarmen. Sie werden heute abend hinaufgehen und sich hinter meinem Rücken über mich lustig machen. Später im Leben werden Sie den alten Knacker imitieren, wie er Tennyson imitiert. Und so geht das weiter.« Er seufzte tief. Und dann grinste er. »Arketall tut mir leid«, sagte er. »Der Mann gefiel mir.«

Der ›Simplicissimus‹ hat vor dem Kriege ein berühmtes Blatt von Thöny gebracht: wie deutsche Staatsmänner aussehen und wie englische Staatsmänner aussehen. Lord Curzon hatte Humor. Hermann Müller hat ein Parteibuch.

Das Buch Nicolsons ist von Cohen-Portheim übersetzt. Ich kenne das englische Original nicht; was herausgekommen ist, hat Stil und sehr viel Witz. »Ich zeigte ihm die beiden Sphinxe am Ende der Brücke und erzählte ihm, wie Wilde in seinen letzten torkelnden Jahren zu behaupten pflegte ... « Wenn übrigens ein so kenntnisreicher Stilist wie Cohen-Portheim das Wort ›irgendwie‹ verwendet, muß er seine Gründe gehabt haben. Ich kenne diese Gründe nicht, aber ich mißbillige sie. Man sollte dieses Wort erwürgen, wo immer man es antrifft.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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