Gut Mord!


Eine niedrige Stirn, zwei Augenritzen,

ein breites Kaschubengesicht;

die da auf der Anklagebank sitzen,

die waren es eigentlich nicht.

Der schoß. Der hat den Revolver getragen.

Beweis? Aber wird er gestehn?

Er kanns ja nicht sagen, er kanns ja nicht sagen –

er weiß was auf wen.

 

Auf den Vorgesetzten. Der wird ihn schon decken.

Er muß. »Sonst pack ick hier aus –!«

Sie werden sich hüten, zu vollstrecken;

was käme da alles heraus!

Packt man den Anstifter auch beim Kragen?

Leider wird das nicht gehn.

Er kann ja nichts sagen, er kann ja nichts sagen –

er weiß was auf wen.

 

Auf die Vorgesetzten. Auf gegebene Befehle,

auf Minister und Büros.

Es zittern Richter und Generäle.

Hände weg – sonst gehts los!

Der Letzte ists, den die Hunde jagen

unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Ihr braucht nicht zu fragen, ihr braucht nicht zu fragen –

wir wissen alle Bescheid.

Wer ist taub gegen herzzerreißende Klagen

der Frauen, tränenleer –?

Ich kanns ja nicht sagen, ich kanns ja nicht sagen.

Aber wir wissen alle: wer.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 16.03.1926, Nr. 11, S. 409.





 © textlog.de 2004-2017 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright