Guckkasten


Damals, als eine Hofdame noch eine Hofdame war, veranstaltete ein sehr vornehmes Komitee in Greiz-Reiz-Schleitz einen Wohltätigkeitsabend. Zur Gene-ralprobe hatte man auch die erste Hofdame Ihrer Fürstlichen Durchlaucht gebeten, die das Programm auf Stubenreinheit prüfen sollte. Es wurde getanzt und gesungen, so unter anderm das hübsche, alte Lautenlied Otto Julius Bierbaums:

 

Ach, mein Schatz ist durchgegangen, Laridah!

Erst wollt ich ihn wiederfangen, Laridah!

 

mit den Versen:

 

Also, Herze, sei zufrieden, Laridah!

Viele Hasen gibts hienieden, Laridah!

Ist der eine dir entlaufen, Laridah!

Kannst du einen andern kaufen, Laridah!

 

Einen schönen weißen, weichen, Laridah!

Mucki-Nucki soll er heißen, Laridah! –

 

Also gut, das Programm steigt, und die erste Hofdame Ihrer Fürstlichen Durchlaucht sehen durch die ebenso langstielige Lorgnette. Und werden dann gefragt, ob vielleicht Bedenken ... »Nein«, sagte sie, »Bedenken wären nicht. Nur das reizende Kinderliedchen wollen wir doch unter allen Umständen singen: das von dem kleinen, weißen, weggelaufenen Kaninchen ... «

Die gute Seele!

 

*

 

Unser guter, alter, dicker Oberleutnant der Landwehr – er wird schön schauen, wenn er das hier liest – hat ein hervorragendes Mundwerk. Er stammt nicht umsonst aus der Weinpfalz.

Da erzählten sie im Kasino von den Haager Verträgen und davon, dass der Feind nur militärische Anlagen, nicht aber friedliche Hütten mit Fliegerbomben bewerfen dürfe. Und der Dicke hub an und sprach also: »Da dürfen Sie mich nicht bewerfen. Ich hab gar kee militärische Anlach!«

 

*

 

Weil wir gerade vom Kriege sprechen: Wir saßen damals in Kurland, der Stab in einer bösen Panjehütte. Der graue Stumpfsinn des Stellungskrieges lastete auf unsern Gemütern, und abends, nach dem Dienst, war so ziemlich alles knüppeldicke duhn. Dies zur Illustrierung des Milieus. – Eines Tages erscheint Exzellenz. Sehr groß, glatt rasiert, ein rotes Gesicht wie guter, alter Bordeaux. Da der Alte Fritz einen Krückstock getragen hatte, so trug er auch einen. Stieß mit diesem Knüppel die Türen auf, baute sich mit seinem Adjutanten hin und fragte jeden, was er sei und woher – na, was man so als Exzellenz fragt. Es ging alles ganz gut, bis er an meinen alten Freund Gruner kam. »Und Sie?« – »Komponist, Exzellenz!« – »Ah!« – die Obrigkeit machte ein Gesicht, wie wenn sie auf einen Flohzirkusdirektor gestoßen wäre. – »Komponist, i sieh mal an! Ham Sie denn schon mal was komponiert?« – »Jawohl, Exzellenz! Eine Oper!« –

»Eine Opa? Wie heißt denn die Opa?« – »Maja, Exzellenz!« – »Maier? Kennen Sie Maier?« – Nein, der Adjutant kannte Maier auch nicht. – »Wo ist denn die Oper aufgeführt?« – »Im Königlichen Theater zu Wiesbaden, Exzellenz!« – Das fiel dem Mann auf. Königliches Theater ... »So, so!« machte er begütigend. Aber ein Gedanke kam ihm noch. »Wie oft denn?« – »Dreimal, Exzellenz!« – Große Pause. Und dann fragte Exzellenz, sehr langsam und deutlich:

»Und von die Opa wolln Se leben?« – Und ging mit markigen Schritten hinaus auf den östlichen Kriegsschauplatz.

 

*

 

1 grüner Tisch

stark gebraucht, ist Umstände halber zu verkaufen.

Ministerium des Inneren

Berlin NW, Unter den Linden 72/73

vorne rechts, 4 Treppen

 

*

 

In die zweite Klasse der Berliner Stadtbahn steigt ein Arbeiter, bewaffnet mit einem Billett dritter Klasse. Eine Dame sagt empört: »Damit dürfen Sie aber nicht zweiter Klasse fahren! Sie müssen umsteigen!« – Da sagt der Arbeitsmann: »Ick will Sie mal wat sagen. Jetzt is Revolution, da jibt et keene Klassenuntaschiede. Ick kennte zum Beispiel du zu dir sagen, ick will et aber nich!«

 

 

anonym

Ulk, 13.12.1918, Nr. 50, S. 3.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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