George Grosz, ›Über alles die Liebe. 60 neue Zeichnungen‹


So sehen vielleicht die Kaufleute heute nicht mehr aus ... Ich lösche das Licht gleich aus! ich schwöre, mit der linken Hand ... dann mach die Augen zu ... Ich knipse wirklich gleich aus ... So sehen also diese Reisenden der letzten Generation nicht mehr aus. Wie sehen sie denn aus? So, wie sie George Grosz gezeichnet hat. ›Über alles die Liebe. 60 neue Zeichnungen‹ (erschienen bei Bruno Cassirer in Berlin). Wir wissen ja alle, wer George Grosz ist. Ob auch alle wissen, wieviel er kann? Das ist ganz erstaunlich. Wenn er einen Mann mit Anzug und dussligem Klemmer zeichnet, dann sind da: der Körper des Mannes, durch den Anzug hindurchleuchtend, na ... leuchtend ... , dessen ganzes Leben; man weiß sofort, welche Bücher der liest, wie er bei der Reichstagswahl gestimmt hat, seine Bekannten, seine Lokale ... Grosz zeichnet die Aura des Menschen mit, genau das, was die wenigsten Schauspieler zu spielen verstehen. Es sind herrliche Blätter darin, wie: ›Hast du mich ein wenig gern?‹ und ›Zugvögel‹ (mit einem vanimftigen Judenjungen, blau rasiert und schweren Augendeckels), – das himmlische ›Nicht sein Geschmack‹: da geht einer mit einem kleinen Zündhütchen auf dem Kopf an einer Hure vorbei, und in seinem Riesenkinn, das er nach oben schiebt, steht: will nicht. Sie sieht ihm etwas enttäuscht nach ... Dann auf Seite 65: ›Treibholz‹ – solchen Großstadtlyriker gibt es nicht, der dieses Mädchen besänge. Aber warum heißt Blatt 75 nicht mehr, wie es meines Wissens einmal geheißen hat, ›Presseball‹? Denn das ist es. Darauf übrigens für mein Gefühl ein kleiner Stilfehler, der einzige des schönen Bandes: dieser Herr Redakteur trägt kein eisernes Kreuz. Und wenn Grosz das gesehen hat, dann war die Wirklichkeit falsch – denn das gibt es. Immerhin: eine Bibel der kosmischen Liebe, der man das s ausgestrichen hat.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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