George Grosz, ›Die Gezeichneten‹,
›Über alles die Liebe. 60 neue Zeichnungen‹


Neulich sagte mir ein Balte: was ihm am meisten in Deutschland auffiele, sei das ›Papageiengerede‹ der Leute; wenn man sie ritzt, dann quillt aus jedem Topf ein Klischeegewäsch heraus, von dem man jeden einzelnen Satz vorher kennt. Sie haben es wohl auswendig gelernt. Nun, das Fürchterlichste an dem Buch Ottwalts ist das vorzüglich wiedergegebene Papageiengerede der jungen Herren – es ist ganz schrecklich, man kann halbe Seiten überschlagen, weil man genau weiß, was da steht. Dergleichen gibt es in Deutschland auf allen Seiten der Politik: aber hier wird es besonders deutlich.

So dass es denn also leicht sein muß, die Gesichter dieser Papageien zu zeichnen, weil der Typus klar zutage liegt. Niemand hat das besser vermocht als George Grosz. Auch dies ist etwas für die Arbeiterbibliotheken: ›Die Gezeichneten‹ und ›Das neue Gesicht der herrschenden Klasse‹ (beide im Malik-Verlag zu Berlin erschienen). Die Bände sind auch in der Reproduktion eine Meisterleistung.

Ich habe sie schon so oft durchblättert – ich kann mich gar nicht sattsehen. Dieses Thema ist zu Ende gezeichnet. Der wundervolle Hohn auf den infamen Rilke-Vers: »Armut ist ein großer Glanz von innen« (ich weiß schon: er hat es anders ›gemeint‹ ... Haben Sie schon mal in einer Dachkammer gefroren?); dieses infernalische Blatt ›Zwei Menschen‹, das zweite: man decke den Unterteil ab und sehe sich nur den Mörder an, der sich die Hände wäscht; die Modekarikatur ›Größere und bessere Morde‹, und wie dieser Mann zeichnen kann! So eine Zeichnung wie ›Kleiner Mann‹, an der nichts karikiert ist; das frühe Blatt ›Menschenwege‹ (1915), in dem schon der ganze Grosz enthalten ist; das bittere Idyll ›Witwer‹; dann die beiden Porträts Noskes und Eberts: ›Ein treuer Knecht‹ und ›Ein Sohn des Volkes‹ – die sagen mehr als alle Broschüren und Revolutionsgeschichten über diese beiden. Auch dies ist Deutschland.

Eine kleine Anmerkung sei erlaubt. Es gibt einen Typus, einen einzigen, den Grosz für mein Gefühl nicht so wiedergibt, nicht so ausdeutet, wie er wirklich ist. Das sind der Industrielle und der Bankier. Hier stimmt etwas nicht. Den preußischen Militarismus hat er auf den Blättern ›Die Gesundbeter‹ und ›Alles kehrt einmal wieder‹ derart hergenommen ... da ist keine uniformierte Nummer, die hier nicht zu sehen wäre – es sind alle, alle da. Und wie sind sie da –! Aber wenn er die großen Kaufleute porträtiert, dann ist da etwas nicht in Ordnung. Manchmal glückts. Der Mann, der auf dem Blatt ›Besitzkröten‹ im Vordergrund seine Zijarre raucht, ist richtig; der junge Herr, der – ›Guten Morgen‹ – ins Auto steigt, ist es nicht. Vielleicht hat es in der allerschlimmsten Inflation solche Typen gegeben, aber heute dürfte dieser Mann, mit so einem Kopf, mit dem Gesicht – allenfalls Handelsvollmacht haben; in sein Auto steigt der nicht: er schafft es nicht. Ich bin mit George Grosz gut befreundet: er weiß also, dass ich dies nicht für die Hochfinanz schreibe. Ich meine nur: um einen Gegner so zu treffen, wie er das mit den Feldwebeln in Generalsuniform getan hat, muß man den Gegner kennen und ihn bis ins letzte Fältchen treffen. So verfressen, so dickschädlig, so klobig sehen aber die deutschen Bankiers nicht aus, die IG-Farben-Leute nicht, die Hüttenbesitzer nicht. Sie sammeln Porzellan; sie haben zum Teil schmalere Köpfe; sie sind als Teilhaber eines Systems, was die Wirkungen ihrer Handlungen angeht, unmenschlich – aber man sieht es ihnen nicht auf den ersten Hieb an. Sie bevölkern Reinhardts Premieren, sie wählen Deutsche Volkspartei ... sie sehen anders aus. Differenzierter, drei Rasternummern feiner; nicht besser: anders. Wie sehen sie aus –?





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